Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Juden Frankfurts im Fettmilch'schen Aufstand 1612 - 1618
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 5)
- Language
- German
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Kracauer: Die Juden Frankfurts im Fettmilch'schen Aufstand 1612—1618. 131 weitern, so begreifen wir, welche Menge von Zündstoff in der Stadt aufgehäuft lag, so daß auch eine unbedeutende Veranlassung genügt hätte, denselben zur Explosion zu bringen. Es liegt nahe, den Aufstand mit anderen staatlichen Erschütterungen, welche sich auf gleich großen oder viel größeren Räumen abgespielt haben, zu vergleichen. Schon Kriegk ^) hat auf manche Erscheinung hingewiesen, welche unser Aufstand mit den Revolutionen von 1789 und 1848 gemein hat. Er hätte dabei noch die Bedeutung des Ausschusses von 1613 erwähnen können, der sich füglich mit dem Jakobinerclub in eine gewisse Parallele stellen läßt. Aber die übrigen Erscheinungen im Aufstand tragen ein specifisch Frankfurter Gepräge. Die schwache, kraftlose Haltung, welche der Rath im ganzen Verlauf der Frankfurter Geschichte, wenige Fälle ausgenommen, nach außen bethätigte, seine Scheu vor jedem energischen Schritt, zeigt er auch jetzt im Kampf um seine Existenz; schließlich läßt er sich feige vom Schauplatz gänzlich verdrängen, nur einzelne seiner Mitglieder bewahren sich noch das frühere Standesbewußtsein. Aber auch die Haltung der Bürgerschaft ist seit 1613 im allgemeinen eine passive; auch ihr fehlt es an Much und Selbstvertrauen, vor allem aber an politischer Einsicht. Die besseren Elemente ziehen sich verhältnißmäßig früh vom Aufstande zurück und überlassen zum Schaden des Ganzen den Schauplatz einer kleinen Anzahl von Männern, deren Umtriebe und Pläne zu entwirren wohl nie völlig gelingen wird, die durch Ränke aller Art und Ausnützung der für Frankfurt günstigen politischen Konstellation ihre Ziele zu erreichen suchten. So spinnt sich der Aufstand über 2^ Jahre sort. Die Waffen, mit denen sich die Parteien bekämpfen, sind meistenteils papierene, Supplicationen, Dupliken, Repliken u. s. w.; sowohl dem Rath als auch dem Ausschuß fehlt die Energie zum Guten wie zum Schlimmen. Von jener Gewaltsamkeit und blutgierigen Leidenschast, wie wir sie bei anderen Städterevolutionen in der italienischen oder deutschen Geschichte finden, ist keine Spur zu bemerken; die auftretenden Persönlichkeiten sind nicht von glühenden Leidenschaften beherrscht oder fanatisch ihren Ideen ergeben, an deren Durchführung sie den letzten Blutstropfen setzen. Es fehlen der Bewegung die Männer, die fähig gewesen wären, die Massen dauernd zu erschüttern und mit sich fortzureißen; daher verhalten sich diese auch im Großen und Ganzen apathisch, als sich das Verderben über die Häupter des Aufstandes ergießt. 1. e. S. 242.