Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Juden Frankfurts im Fettmilch'schen Aufstand 1612 - 1618
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 4)
- Language
- German
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130 Kracauer: Die Juden Frankfurts im Fettmilch'schen Aufstand 1612—1618. aus seine Entschließungen hatte oder ihn gar controliren konnte. Der Zutritt zu den RaLhsstellen war ihr damals, wenn auch nicht gerade unmöglich gemacht, so doch sehr erschwert; mehr als die Hälfte der Stellen, von 42 nämlich 25, waren im Besitze einiger weniger Familien, welche die Adelsgesellschaft der Altlimburger bildeten und sich im Verein mit der minder angesehenen Gesellschaft „Zum Frauenstein" als die Patrizier der Stadt betrachteten. Letztere stellten zum Rath vier Mitglieder. Zwar blieben die noch übrigen dreizehn Sitze den Handwerkern vorbehalten, doch hing deren Wahl lediglich von den Patriziern ab, die, wie man ihnen vorwarf, nur Unbedeutende oder ihnen blindlings Ergebene zu der „Handwerkerbank" zuließen. Daher das Bestreben der Bürgerschaft, diesen festgeschlossenen oligarchischen Ring zu durchbrechen und auch weiteren Schichten der Bevölkerung Antheil an der Regierung und der Verwaltung zu verschaffen. Gerade auf letzterem Gebiete deckten die 1613—1614 von der Bürgercommission angestellten Untersuchungen die ärgsten Willkürlichkeiten und Mißbrauche auf. Schon seit geraumer Zeit litt die Stadt an einem sich jährlich steigernden Defizit, das aber den Bürgern verschwiegen ward. Die Rechnungsbücher zeigten sich durchaus mangelhaft geführt^), wichtige Einnahmen waren gar nicht gebucht worden. Die öffentlichen Gelder wurden zum Theil in unverantwortlicher Weise vergeudet. Auf Kosten der Stadt hielten der Rath sowie die niederen Beamten Feste und Schmausereien, so daß sich in den Ausgabebüchern als ständige Rubrik „das Freßgeld" fand. Auf vornehmen Rathsleuten ruhte der Verdacht, daß sie öffentliche Gelder zu ihrem eigenen Besten unterschlagen hätten. Auch die Rechtspflege gab zu vielen Klagen Anlaß. Man warf den Schöffen Parteilichkeit und Bestechlichkeit vor. Da der Rath sich durch Ausleihen von städtischen Geldern an die Juden in den Augen der Menge stark compromittirt hatte, so ging diese soweit, ihn geradezu einer besonderen Vorliebe für dieselben zu beschuldigen. Offen behauptete sie in ihren Beschwerdeschristen, daß er in Prozessen zwischen Christen und Juden das Recht zu Gunsten letzterer beuge. Die dafür beigebrachten Thatsachen beweisen dies allerdings nicht; überhaupt wurden die Juden von der Menge als Schützlinge des Rathes angesehen und man glaubte, in dem Kampfe gegen jene diesen selbst zu treffen. Erwägen wir schließlich noch den unglaublichen Hochmuth, mit welchem die regierenden Kreise auf die Bürger herabsahen, sowie das Bemühen, die Kluft zwischen sich und letzteren, „den Unterthanen" 2), immer mehr zu er- ') Näheres hierüber bei Kriegk 1. e. S. 239 ff. 2) So werden sie seit 1587 officiell bezeichnet. S. Kriegk Z. e. S. 238.