Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830 - 1840
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 8)
- Language
- German
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Steinthal: Die Mische Volksschule in Anhalt von 1830—1840. 73 Weltreiche kennen, die tapferen Spartaner und die noch tapfereren Romer, die schreckliche Völkerwanderung (schrecklich für uns; denn wir konnten die Namen nicht behalten); freundlicher war uns Karl der Große und Friedrich der Rothbart, die Zeit der Entdeckungen und Erfindungen und der Reformation. Verstanden haben wir von der letzteren doch nur wenig. Wir kannten keine Katholiken und so blieb uns auch der dreißigjährige Krieg einfach eine Reihe von Schlachten. Von der französischen Revolution und Napoleon lernte mein älterer Bruder sehr viel, ich aber sehr wenig: denn ich war ein Feind aller Kriege. Nachdem ich so 7 oder 8 Stunden im Schulzimmer verbracht hatte, und unser Lehrer ebenfalls, hatte ich mit einem Altersgenossen bei ihm wöchentlich noch drei Privat-Stunden französisch, nach den Lehrbüchern von I. Louis, dem Lehrer des Französischen und Englischen an der Franzschule, und der berühmten Grammatik von Meidinger. Wir übersetzten die reizenden Anecdoten. Aehnlich wie in Gröbzig wird es in Jeßnitz (welches ja eine durch viele Drucke alter hebräischer Schriften berühmte Gemeinde hatte) und in den anderen Städtchen gewesen sein. Noch Folgendes ist zu berichten, was außerhalb des eigentlichen Schulplanes liegt. Hier habe ich vor allem einer merkwürdigen Einrichtung zu gedenken, die wohl einzig in der Schulordnung der Welt dasteht. Um zu verhüten, daß es einem Knaben in der Schule plötzlich an Schreib-Materialien fehlte, an Papier oder Federn: traten sämmtliche Kinder zu einem (so darf ich es jetzt nennen) Consum-Verein zusammen. Wir gründeten eine Schul-Casse, so nannten wir es. Der Aelteste oder Erste führte die Casse, hielt die Materialien unter Verschluß und verteilte sie. So hatten wir auch besseres Papier und bessere Federn, als wir sie in dem Oertchen hätten haben können. Wir bezogen den Bedarf aus Cöthen. Alles stand natürlich unter Aufsicht unseres Lehrers; aber wir übten in voller Selbständigkeit freie Selbsthilfe. Zu Rosch-Haschono schrieben wir den Eltern stets Neujahrswünsche. Die älteren Knaben mußten immer versuchen, eigene Wünsche auszuarbeiten; es wollte aber nie gelingen. Wir wollten nicht jedesmal mit den Worten beginnen: „Schon wieder ist ein Jahr vorüber"; aber wir fanden keinen anderen Anfang. In den Zwischen - Tagen des Peßach war jährlich ein öffentliches Examen, zu dem außer den Eltern die Vorsteher der Gemeinde, der Pastor und der Justiz-Amtmann erschienen. Letzterer fragte aus der alten Geschichte, ersterer aus der neueren, auch wohl nach Naturkunde. Einmal fragte er,