Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830 - 1840
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 9)
- Language
- German
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74 Steinthal: Die jüdische Volksschule m Anhalt von 1830—1840. was Atmosphäre sei, was niemand von uns wußte. Zu den Prüfungen gehörten auch Probeschristen, deutsche und hebräische, wobei wir unsere ganze Kunst in gotischer, in hebräischer Quadrat- und Raschi-Schrift offenbarten. Es ward auch von einigen Knaben declamirt. Wir lernten im Laufe des Jahres manches Gedicht, namentlich von Gellert, Pfeffel. Die Auswahl war gering. Unsere Lesebücher von Funke und von Hempel hatten nur sehr wenig Poesie. In der ganzen Gemeinde aber gab es kein Exemplar von Schillers Gedichten. Einmal declamirte ich die drei Ringe aus dem Nathan. — Nachmittags war Prüfung im Hebräischen, und auch da ward gelegentlich ein hebräisches Gedicht declamirt aus der Sammlung von den Anhängern Mendelssohns. Zu Purim aber ward ein Lustspiel aufgeführt — entweder ein Stück das für Kinder geschrieben war, oder eins, welches H. so gestaltete, daß es von Kindern gespielt werden konnte. Zu diesen Aufführungen war die Gemeinde geladen, und man kann denken wie wir beklatscht wurden. Einige Jahre nach 1840 (wenn ich nicht irre, schon vor 1848) ward die Schule aufgelöst; die Kinder gingen in die allgemeine Stadtschule und erhielten von einem Manne, der als Chason, Schochet und Religionslehrer angenommen ward, den Unterricht in Religion und Hebräisch. Hierüber weiß ich nichts Näheres. Wenn nun der Leser Sympathie mit meinem Lehrer Baruch Herzfeld gewonnen hat, so nimmt er wohl noch die Nachricht hin, daß derselbe bald nach 1840 seine Stelle niederlegte, das schönste und gebildetste Mädchen heiratete, ein Geschäft eröffnete und sich durch seine höhere Bildung und strenge Gewissenhaftigkeit die Achtung seiner Mitbürger in immer höherem Maße erwarb. Sein Andenken zum Segen!