Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830 - 1840
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 7)
- Language
- German
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72 Steinthal: Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830—1840. konnte. Zu unserer großen Freude aber zeichnete uns unser H. die Geräthe der Stiftshütte an die Tafel, während wir die betreffenden Verse übersetzten. Religion ward sehr bald nicht mehr nach Johlson, sondern nach Herxheimer gelehrt. Der Bar Mizwo erhielt in besonderer Vorbereitung Anleitung zum Legen der Tefillin und zum Bortrage mit dem Trop. Nun kommen wir zum Nachmittag. Er begann jeden Tag mit den Schreib-Uebungen. Die unterste Classe schrieb nur jüdisch, die mittlere abwechselnd jüdisch und deutsch, die obere nur deutsch und lateinisch, und die geschickteren Knaben konnten sich auch in Römisch und Gothisch und in hebr. Druckschrift und Raschi-Schrift üben. Dann folgte Rechnen. Wir rechneten aber nicht bloß 4 Stunden wöchentlich, sondern hier gab es auch fortlaufend eine häusliche Aufgabe. Unser H. besaß nämlich eine Sammlung gedruckter Tafeln mit Rechen-Aufgaben, wozu ein Buch gehörte, das die Auflösungen enthielt. Jeder Knabe erhielt eine solche Tafel und rechnete still für sich. H. brauchte also keine Exempel zu dictiren. Hatte der Knabe ein Exempel gelöst, so trat er vor den Lehrer, der nach jenem Buche die Lösung für richtig oder falsch erklärte. Wußte er sich nicht zu helfen, so bat er den Lehrer, ihm zu zeigen, wie das Exempel zu rechnen sei. Jeder erhielt nun auch eine Tafel mit nach Hause und mußte eine Anzahl von Exempeln ausrechnen, deren Lösung dann in der Schule controlirt ward. — Hatte ein Knabe alle Karten durchgerechnet, so begann der höhere Cursus mit Quinque (Zinsrechnung), Kettensatz, Gesellschaftsrechnung u. s. w. nach dem Lehrbuche vou Arnheim, dem Rechenlehrer der Franz-Schule. So wird man es glauben, wenn ich sage, daß ich, als ich 13 Jahre alt war, im Rechnen die Reife hatte, um als Lehrling in ein Banquiergeschäft einzutreten. Ich kannte die Curse von Hamburg, London und Amsterdam, wie die Preußischen Friedrichsd'or. Dann folgte deutsche Grammatik nach Heinsius^) oder Geschichte nach dem kleinen Bredow oder Geographie nach dem Anhange eines Lesebuches. Wir wußten, zu Wasser und zu Lande von Odessa nach Paris und um die ganze runde Erde zu reisen, obwohl ich für mich die Vorstellung von der Kugelform der Erde und von Antipoden für eine Thorheit hielt: rann müßte ja der südliche Ocean in den Himmel ausfließen! Indessen von mathematischer und physikalischer Geographie war nur sehr wenig die Rede. — In der Geschichte lernten wir die vier großen Wir lernten hier aber sehr wenig und am wenigsten richtig sprechen. Die Methode, den Casus durch Fragen zu bestimmen: wessen? wem? wen? schien mir lächerlich. Ich sagte mir: wüßte ich, ob ich wem oder wen fragen soll, so brauchte ich nicht zu fragen.