Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830 - 1840
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 6)
- Language
- German
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Steinthal: Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830—1840. 71 von Knaben und Mädchen, welche letzteren auch alle Stücke des Gebetbuches, aber nicht den Pentateuch mit übersetzten. — Diesen hebräischen Cursus machten wir wohl drei- oder viermal durch. Nebenbei wurden auch etwa die 25 ersten Psalmen, die ersten 12 Capitel des Jesaja, die ersten Capitel der Sprüche übersetzt. Hebräische Grammatik aber ward recht wenig getrieben, obwohl H. selbst die empirische Formenlehre inne hatte. Raschi ward zu manchen Abschnitten des Pentateuchs übersetzt. — Die Methode, nach der in früherer Zeit hebräisch lesen gelehrt ward, war diese: Xowets äalet—äo u. s. w. Ich hatte aber schon bei einem Polen nach einer neueren Methode gelernt: äalet 0—äo. Das war gewiß kein kleiner Fortschritt gegen die alte, bei welcher das Lesenlernen sehr schwierig sein mußte. Nun aber unter H.'s Leitung ward die Lautir-Methode eingeführt: äö-o—äo. Es kam mir jedoch lächerlich vor, nicht mehr sagen zu sollen: „der kann schon das alek deZs", sondern: „er kann das öde^e". Immer aber ward hebräisch lesen früher gelehrt als das deutsche ABC. Wir übersetzten derart, daß wir unmittelbar nach dem hebräischen Worte die deutsche Übersetzung sprachen, ohne Rücksicht auf die deutschen Wortstellungs-Gesetze, und so den Pentateuch von vorn bis hinten, ohne ein Wort auszulassen. Also z. B. ^vskoodozm und der Mensch ^oäa erkannte es elia^o Eva iselitau seine Frau, ^stakar und sie ward schwanger >vate1Ieä und sie gebar u. s. w. Ebenso die Erzählung von Lot und seinen Töchtern u. s. w. auch den Abschnitt tasria und mesaui-o, der uns bloß sehr unangenehm war und von dem wir noch weniger verstanden. Daß dies unserer Sittlichkeit schädlich gewesen wäre, darf ich entschieden leugnen. Die Stimmung war eine ernste, und es ward nicht weiter über das Unverstandene nachgedacht. Schlechte Übersetzungen ließ in solchen Fällen unser H. wohlweislich ohne Correctur vorübergehen. So besinne ich mich, daß ich in der Peßach-Haggada übersetzt habe: xerisokus äsreek eres „die Ausmessung des Landes", ohne corrigirt zu werden. Es ist wunderlich, wieviel ein Kind wissen kann, ohne es zu verstehen. Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich einem gleichaltrigen Mädchen auf der Straße begegnete, die mich anredete und mir erzählte, im Handkorbe trage sie Kirschen, die sie soeben gekauft habe. Frau R. habe sie gefragt, was sie da habe, und sie habe ihr die Kirschen gezeigt und sie aufgefordert, davon zu nehmen. Denn, sagte sie, „die Frau ist hochschwanger und schwangeren Frauen muß man von allem geben, worauf sie Appetit haben". Biblische Geschichte ward nicht gelehrt; ich hätte mich gewundert, wenn mir der Lehrer hätte erzählen wollen, was ich in der Bibel selbst lesen