Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830 - 1840
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 5)
- Language
- German
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79 SLemthal: Die jüdische Völksschule in Anhalt von 1830—1840. Kinder in heiterem Geplauder, während H. irgend etwas trieb. Auch hatte er die Einrichtung getroffen, daß einer der älteren Knaben die jüngeren abfragte, wie wir sagten: verhörte. Der Vormittag war wesentlich dem Hebräischen gewidmet, der Nachmittag dem Deutschen, ersteres jedoch mit einer Ausnahme, von der unten die Rede sein wird. Der Unterricht begann mit einem deutschen Gebet (aus Johlson); dann orten (beteten hebräisch) die Kleineren das Schachris (Morgengebet). Von den Netteren konnte mit Grund vorausgesetzt werden, daß sie es schon zu Hause gethan hatten. Jene beteten, indem je Einer ein Stück laut las; dabei controlirte einer den andern. H. konnte sich nicht um sie kümmern. In der Zeit nämlich, wo jene laut beteten, dictirte er der ersten Klasse, um sie in der Rechtschreibung zu üben. Am Dienstag aber gab es statt des Dictates eine Aufgabe zu einer Erzählung oder einem Briefe. Diesen Aufsatz machten wir sogleich auf unserer Bank und sobald wir fertig waren, wurden sie von H. corrigirt, wie auch die Dictate sogleich corrigirt wurden. — Die Reihenfolge der Schüler machte sich ganz von selbst unter allgemeiner Zustimmung der Knaben und zwar vom ersten Schuljahre ab. Ein Rauf- und Runterkommen gab es nicht; die Ordnung war fest, weil naturgemäß: das begabtere Kind saß oben. Danach ward Chumosch vorgenommen. Jede Woche ward der Wochen- Abschnitt übersetzt. Die erste Classe konnte es, die zweite Classe hörte zu und lernte es. Die Sache ist mir aber räthselhaft und meine Erinnerung nicht mehr vollständig; gar leicht erscheint Einem etwas besser, als es wirklich gewesen ist; aber ich vermuthe, daß mir Tausende aus ihrer Kindheit meine Bemerkung bestätigen werden. — Unser H. nämlich hat den Anfängern ein Stück vorübersetzt, aus dem Pentateuch und dem Gebetbuche. So ward mir ebenfalls die Genesis vorübersetzt bis zur Geschichte Josephs. Von da an übersetzte ich selbständig die erzählenden Stücke, mit Nachhilfe gewiß, aber nur geringer; und besonders, wenn Stücke kamen wie die Beschreibung der Stiftshütte mit ihren Geräten, so mußte viel geboten werden. Wir übersetzten auch das Gebetbuch von einem Ende zum andern. Die Gebete für Wochentage und Sabbath wurden irgend einmal im Laufe des Jahres übersetzt; vor den Herbstfeiertagen wurden die Gebete für dieselben von beiden Classen fleißig übersetzt. Ebenso aber auch das hohe Lied, Ruth, die Klagelieder und der Prediger; für ersteres und letzteres jedoch war die Zeit nie ausreichend, da vor Ostern auch die Haggada übersetzt werden mußte und zwischen dem Jom Kippur und Hüttenfest zu kurze Zeit liegt. Im Sommer waren die Sprüche der Väter Leseübungen für beide Classen und für die Mädchen; sie wurden aber auch übersetzt