Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830 - 1840
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 4)
- Language
- German
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Steinthal: Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830—1840. 69 mein deutscher Vorname ist nicht amtlich beglaubigt und willkürlich verändert. — Das Gehalt für die Lehrthätigkeit H.'s ward nur von den Eltern der Schulkinder aufgebracht; und wie die Anzahl der Kinder wechselte, so auch die Höhe des für jedes derselben zu erlegenden Schulgeldes. Auch jetzt noch bezahlte für die Armen entweder die Talmud-Tora-Chewra oder die Gemeinde. Auch Kinder des nahe liegenden Dorfes kamen nach Gr'öbzig zur Schule und erhielten, wenn sie arm waren, Freitische. Die Schule befand sich anfangs noch in einer gemietheten Stube, später in dem gekauften Gemeindehause, und dies war zugleich der Ort für die Gemeindeversammlungen (in denen meine Mutter als Beitrag-zahlende Wittwe auch ihre Stimme hatte). Diese Schulräumlichkeit war sehr einfach ausgerüstet. Es stand darin ein längerer und ein kürzerer Tisch, jener für etwa 12 Knaben, dieser für 8 Mädchen. Die Mädchen kamen um ein oder zwei Jahre später zur Schule als die Knaben, und verließen sie meist ein Jahr früher. Die Knaben begannen mit dem zurückgelegten sechsten oder auch schon fünften Jahre. Wir saßen auf vier Bänken ohne Lehnen. Der Lehrer hatte einen Stuhl. Die Wände waren weiß getüncht und völlig leer; doch gab es eine schwarze Tafel, ein kleines Bücherbrett für H.'s Bibliothek und eine Guitarre für seinen Privat-Gesang. Unterricht im Singen erhielten wir nicht. H. hielt allerdings darauf, daß wir ordentlich deutsch sprechen sollten, aber wir thaten es nur beim Unterricht. Es schien uns gar zu seltsam und unnatürlich, daß wir nein statt nee u. s. w. sagen sollten, oder gieb mir für jib mich. Wir Judenkinder hatten nämlich einen ganz eigenen Dialekt, wir sprachen nicht wie die christlichen Bewohner des Städtchens, das damals etwa 1300 Seelen zählte, in einem mitteldeutschen Dialekt. Wir mauschelten, aber nicht so sehr wie unsere Eltern, wenn diese unter sich waren; denn mit den Christen sprachen sie wie diese. Wir sagten nicht du Host, sondern du hast; nicht geih, sondern geh. Wir sprachen auch besser, als die christlichen Kinder; wir sagten ja, jene jo, unsere Eltern jau. Etwa 20 Kinder, Knaben und Mädchen, 6—13 Jahre alt in einem Räume zu unterrichten, bleibt immer eine schwierige Aufgabe. Wir zerfielen naturgemäß in drei Classen; die beiden unteren enthielten auch Mädchen, die obere hatte nur Knaben. Die Schule begann des Sommers um 8, des Winters um 9, und dauerte bis 12 Uhr; dann des Nachmittags von 1—5, im Winter bis 4 Uhr. Daß ein Lehrer bei 7—8 Stunden täglich nicht allezeit gleich angespannt sein kann, versteht sich wohl von selbst, und unser H. war es auch nicht. Manche Schulstunde verbrachten wir