Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830 - 1840
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 3)
- Language
- German
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68 Steinthal: Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830—1840. gelernt; er übte sie eklektisch, nach Erfahrung. Die glückliche Methode, nach der heute die Kinder so leicht und schnell schreiben und lesen lernen, war damals noch unbekannt, ist ja ganz jungen Datums. Er hatte aber gewiß von Pestalozzi und Basedow u. s. w. gehört, und wohl auch manches hierher Gehörige gelesen. — Er sprach angenehm, erzählte vortrefflich, nicht zu kurz und nicht zu lang. Er predigte bei ganz außerordentlichen Gelegenheiten, besonders bei Confirmationen. Denn diese führte er ein und vollzog sie am Sabbath der Bar-Mizwa; er lehrte und prüfte nach Johlson. Ueber den Wert seiner Predigten hatte ich kein Urtheil; aber ich glaube, daß sie nach Inhalt und Form dem Zweck und den Ansprüchen völlig genügten. Bevor er sie hielt, gab er sie dem christlichen Geistlichen der Stadt zur Durchsicht^). Als ich als Primaner ihm eines Tages meine Disposition zu einem Aufsatze zeigte, sagte er mir: „Siehst Du, das haben wir nicht gelernt. Ich habe Gedanken genug sür Predigten; aber eine solche Einteilung kann ich nicht machen". Er ward als Gemeinde-Lehrer angestellt, erhielt 60 Thaler jährlich als Gehalt und bei den Mitgliedern der Gemeinde wechselnd Mittags-Freitische, wie letzteres auch früher bei den polnischen Lehrern der Fall gewesen war. Bald leuchtete das Ungeziemende eines solchen Verhältnisses ein, Herzfeld aß bei seiner noch lebenden Mutter, und sein Gehalt ward auf 100 Thaler erhöht. Ja sehr bald stieg sein Gehalt auf 150 Thaler, indem er zugleich Secretär der Gemeinde ward. Bis dahin nämlich gab es für die Juden kein Standes-Amt; das Mohel-Buch war für die Knaben ein zuverlässiges Geburts-Register, für die Mädchen gab es keine amtliche Aufzeichnung. Von jetzt ab war Herzfeld beaustragt, nachdem er ein Verzeichniß sämmtlicher Mitglieder der Gemeinde und ihrer Familien aufgenommen hatte, die Geburten sorgfältig aufzuzeichnen. Die Ehen wurden vor dem Richter geschlossen, bevor das Paar unter die Chuppa ging. Aus dem älteren Berhältniß rührt es z. B., daß ich erst spät meinen Geburtstag nach unserem westeuropäischen Kalender kennen lernte, und daß, wenn mein hebräischer Vorname nicht fest stünde, ich nicht sicher wüßte, wie ich heiße. Denn t) Der Verkehr einiger Juden Gröbzigs mit dem dortigen Pastor verdient wohl eine Anmerkung. In meiner Kindheit lebte dort ein ehrwürdiger Greis Walkopf, aus der Rationalisten-Schule, der recht gut hebräisch verstand; und namentlich waren es zwei gelehrte Juden (der jüngere hatte in seiner Jugend die Ieschiba von Fürth besucht), mit denen er gern umging. Mir ist aus guter Quelle erzählt, daß er am Sterbebette des alteren jüdischen Freundes, als dieser eben das Leben aushauchte, neben dem jüngeren flehend, gesagt habe: tomaus naiseki maus jesekorim u. s. w. — Auch mit dem jungen Nachfolger dieses Mannes stand H. in freundlichem Verkehr; er hatte vor Tholuck's Herrschaft yudirt.