Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830 - 1840
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Steinthal: Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830—1840. 67 unterhielten einen gemeinsamen Lehrer, welcher auch die Kinder der ärmeren unterrichtete, für welche die Talmud-Tauro-Chewro ^) bezahlte. Der Lehrer war zu allermeist ein Pole, der Talmud verstand, oder wohl auch ein eingeborener talmudisch Gelehrter. Wie für das Erlernen des Deutsch- Schreibens und -Lesens und des Rechnens gesorgt ward, weiß ich nicht, aber es ward gesorgt. Die meisten Männer, die ich als Knabe kannte und deren Kindheit in die angegebene Zeit fiel, schrieben deutsch und rechneten genügend. Mein Vater, zu den Jüngsten dieser Generation gehörig, ward mit einigen Altersgenossen von dem, in jeder Geschichte der jüdischen Literatur genannten R. Fürstenthal (damals natürlich noch jung) unterrichtet. Ob er auch sein Französisch von diesem Autodidakten gelernt hat, weiß ich nicht. — Sehr bald aber trat eine Verarmung der Gemeinde ein, die Hauslehrer schwanden, und es wuchs ein rohes, aller Kenntnis bares Geschlecht auf. Da nun eben hatte David Frankel, der Director der Franz-Schule, von der Regierung den Befehl an die jüdischen Landgemeinden erwirkt, die polnischen Lehrer (nicht Vorbeter) zu entlassen und dafür einen der jungen Männer zu nehmen, welche auf der Dessauer Schule gebildet waren. Gröbzig erhielt ein Stadtkind, Baruch Herzfeld, einen der beiden Gröbziger, welche die Franz-Schule besucht hatten; der andere, ebenfalls zum Lehrer bestimmt, war körperlich verunglückt. Herr Herzseld war also mein Lehrer etwa vom 8. bis zum 13. Jahre. Er ist jetzt Lot, und sein Andenken ist gesegnet. Er war ein begabter Mensch. Er war ein Liebling des Director Frankel und hatte das volle Maaß der Kenntnisse, die für einen Volkslehrer wünschenswerth sind. Er verstand auch Talmud, das er in dem damals in Dessau noch bestehenden Beth-Hamidrasch ^) gelernt hatte. Er wußte Geschichte und Geographie genügend, deutsche Grammatik, wie sie zu der Zeit gelehrt ward, als Heinsius noch herrschte und man weder Grimm noch Becker kannte; er sprach französisch und verstand auch etwas englisch. Pädagogik als Wissenschaft hatte er wohl nicht Außer dem genannten Verein gab es noch zwei: die Chewro Kaddischo zur LeicheubesLattnng, immer aus 18 Anspielung auf Leben) verheirateten Mitgliedern bestehend und die Chewro für Unterstützung der Armen. Vor dem jüdischen Gottesacker wurden 18 Pappeln gepflanzt, die alle gediehen und heute noch stehen. Jeder der drei Vereine ließ sich jeden Sonnabend einen Vortrag halten. Ich hörte als Knabe diese Vorträge ziemlich fleißig und kannte daraus die Sagen von Abraham, Joseph, Moses und der Zerstörung des Tempels. 2) Talmud-Lehrer dieser Anstalt, an welcher der Dessauer Rabbiner (damals Lipschütz) nicht thätig war, war mein Onkel Iosua Falk, von dem ein Enkel, Dr. Falk Cohn, irgendwo in Deutschland heute noch, hoffe ich, Rabbiner ist. 5*