Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830 - 1840
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 1)
- Language
- German
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66 Steinthal: Die jüdische Volksschule in Anhalt von 1830—1840. Die jüdische Volksschule in Änhalt von 1830—1840. Von H. Steinthal. Das allgemeinere Interesse, das sich an die folgenden Erinnerungen aus meiner Knabenzeit knüpfen kann, scheint mir darin zu liegen, daß aus denselben klar wird, welcher geistige Strahl von der ehemaligen Herzoglichen Franz-Schule zu Dessau auf die zum Ländchen Anhalt-Dessau gehörigen kleinen Städte überging. Die Anziehungskraft der Franz-Schule reichte bis Constanz am Bodensee; diese Handelsschule hat ungezählte gebildete Kaufleute unter den Juden geschaffen; was aber hat sie, abgesehen von der Hauptstadt, für die Juden des Landes geleistet? — Ich bedaure nur, daß meine Erinnerung sehr lückenhaft ist, und daß mir kein Archiv zu Gebote steht. Die nahe gelegenen Mörtitz und Jeßnitz empfingen das Licht von Dessau dadurch ganz unmittelbar, daß nicht wenige Eltern von beiden Orten ihre Kinder auf die Schule nach Dessau brachten. In meiner Vaterstadt Gröbzig, ferner gelegen, ist ein solcher Fall nur ganz vereinzelt vorgekommen, bis 1830 sich die Sache auf höheren Befehl änderte. Um diese Aenderung zu würdigen, muß ich aber den vorangehenden Zustand des Unterrichts und der Cultur der Juden meiner Vaterstadt beleuchten. Die Gemeinde wird im ersten oder zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts gegründet worden sein. In meiner Knabenzeit zählte sie ungefähr 150 Seelen. Gegen Ende des vorigen und zu Anfang des laufenden Jahrhunderts fehlte es nicht an reichen und wohlhabenden Mitgliedern. Die reichen hielten für ihre Kinder einen Hauslehrer, und der eine oder andere begabtere Jüngling zog dann auf die Jeschiba nach Fürth. Auch das ist wohl bemerkenswert^ daß mein Großvater im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts von der Leipziger Messe ein Chumosch mit „Mosche Dessau's Deutsch" mitbrachte und es seinen Söhnen mit den Worten übergab: „Nun werdet ihr das Chumosch richtig übersetzen lernen". Die nicht reichen, aber wohlhabenderen Mitglieder vereinigten sich und