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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1890-01-01 · Heft 1 · p. Seite 50

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1890
Issue
Heft 1
Article
Kleine Beiträge zur Geschichte der Juden in Berlin
Date
1890-01-01
Page
Seite 50 (sequence 22)
Language
German
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50 Geiger: Kleine Beiträge zur Geschichte der Juden in Verlin. „Zch mehne die Judenschaft. Mit höheren Abgaben belastet, als die übrigen Unterthanen; vom Ackerbau, von den Handwerken und von allen Gewerben ausgeschlossen; nur allein auf den Handel eingeschränkt, und dies in Staaten, wo vielleicht der eigentliche Handel täglich sinkt, oder wo einige der besten Zweige desselben ausschließend in den Händen des Landesherrn find; was bleibt ihnen übrig? Alle die, welchen ein günstiges Geschick nicht große Schätze zugeführt hat, müssen zu verbotenen Künsten ihre Zuflucht nehmen; müssen durch List und Wucher das zu erhalten suchen, was ihnen auf rechtmäßigen Wegen versagt ist. Es bleibt ausgemacht, daß viele der Juden von mittelmäßigem oder geringem Vermögen in ihrem jetzigen Zustand für den Staat schädlich sind, Daß sie besonders an der zunehmenden Verderbniß und Dürftigkeit des Volks Antheil haben. Aber wenn wir aufrichtig sind und alles Vorurtheil ablegen, so müssen wir gestehen, daß nicht sie, sondern wir allein daran schuld sind. Die neueren Untersuchungen menschenfreundlicher Philosophen haben es bestätigt, daß weder in den Religionsgrundsätzen, noch in dem Charakter der Juden etwas ist, welches sie hindert, gute Bürger und Unterthanen zu sehn. Auch sehen wir unter ihnen viele rechtschaffene Männer, die den Christen zum Muster dienen können; selbst der niedrige, auf Eigennutz und Betrug gerichtete Sinn der gemeinen Juden wird sich merklich verlieren, wenn ihre Vorsteher fortfahren, die Erziehungsanstalten zu verbessern, und mehr Aufsicht über die Sitten zu haben. Aber die gänzliche, zum Wohl des Staats nothwendige Umformung kann nie möglich sehn, so lange die mannigfachen Arten von Unterdrückung fortdauern, welche die Thätigkeit des Juden niederschlagen, und jede Empfindung von Ehre in seiner Brust ersticken; so lange ihm nur ein einziges Nahrungsmittel frey gelassen wird, welches eben so unsicher ist, als es zum Betrug verleitet. Wie wundert man sich über seinen Haß gegen eine Nation, die ihm so viele und so empfindliche Beweise des ihrigen giebt? Wie kann man Tugend von ihm erwarten, wenn man ihm keine zutraut? Wie ihm Vergchungen vorwerfen, die er aus Roth begehen muß, da man ihm keinen schuldlosen Erwerb gestattet, ihn mit Abgaben drückt, und ihm nichts übrig bleibt, um für die Erziehung und sittliche Bildung seiner Jugend zu sorgen? Alles, was man den Juden vorwirft, ist durch die politische Verfassung, in der sie jetzt leben, bewirkt, und jede andere Menschengattung, in dieselben Umstände versetzt, würde sicher eben derselben Vergehungen sich schuldig machen. Vielleicht würde man zu weit gehen, wenn man ihnen vollkommen gleiche Rechte mit allen übrigen Unterthanen gestatten wollte? Vielleicht ist dazu eine Abänderung ihrer Ritualgesetze nothwendig? Vielleicht muß zuvor die künftige Generation besser gebildet werden? Nichts hindert indessen, daß man ihnen gleich jetzt alle Künste, Handwerke und Gewerbe frey gebe, wenigstens alle diejenigen, welche sich nicht mit Zubereitung der Lebensmittel beschästigen; daß man ihnen den Anbau wüster Ländereyen erlaube, und jeder Familie den Ankauf eines städtischen Grundstückes gestatte. Nicht bloß Natur und Menschlichkeit fordern dies, sondern auch das Wohl des Staats. Alsdann würde ihr thätiger und erfindsamer Geist von seiner jetzigen schädlichen -Richtung abgeleitet werden, und sich auf die Vervollkommnung nützlicher Gewerbe lenken; dann würden ihre Reichthümer, welche gegenwärtig

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