Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 388 (sequence 16)
- Language
- German
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388 Geiger: Zur Kritik der neuesten Mischen Geschichtschreibung. Handelt es sich in dem Vorstehenden manchmal darum, eine unerlaubte Tendenz zurückzuweisen, so muß nun vor einer falschen Methode gewarnt werden, die aber auch wol nichts weiter als eine unerfreuliche Wirkung jener Tendenz ist. Gelbhaus hatte sich srüher damit beschäftigt, Parallelen zwischen jüdischen und deutsch-mittelalterlichen Stoffen hervorzuheben; ich hatte geglaubt diese Versuche empfehlen zu können (s. o. Band II, S. 100). Ein kenntnisreicher Freund, der mit der mittelalterlichen Literatur und der vergleichenden literargeschichtlichen Forschung jener Periode vertrauter ist als ich, wies mich darauf hin, daß manche Aehnlichkeiten in diesen Stoffgebieten, die mich überrascht hatten, doch nur scheinbare seien. Dieses Urteil machte mich vorsichtiger gegen derartige Combinationen. Als ich daher ein neues Schriftchen des genannten Verfassers) in die Hand bekam, war ich von vorn herein zurückhaltender und fand bei sorgfältiger Nachprüfung des von G. Vorgebrachten, daß das gleich anfänglich gehegte Bedenken nur allzuberechtigt war. G. will nachweisen, daß Freidanks Bescheidenheit, ein moralisches, didaktisches Werk aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, einen wesentlichen Teil seiner Sprüche aus der biblischen und rabbinischen Literatur entlehne. Das Erstere war längst allgemein angenommen; das Neue, das Gelbhaus zu diesem von anderen Forschern erwiesenen Satze hinzufügt, ist, daß Freidank die Bibel nicht, wie man bisher annahm, nach der Bulgata, sondern nach dem hebräischen Text kennt und citirt. Zu diesem BeHufe stellt G. (S. 9 ff.) drei Stellen zusammen, von denen er angiebt, sie seien nur aus dem hebräischen Text zu erklären. Zwei davon seien hier angeführt. Die eine heißt bei Freidank: „Wer Weisheit mehrt u. f. w., mehrt seine Arbeit". In der VulgaLa heißt es Kohelet 1,18: „Hui aääit seientlaw) aääit et ladorem^, also wörtlich gleichlautend mit Freidank. Der hebräische Text dagegen hat „inaekok" Kummer, Plage; und um dem Leser glaublich zu machen, daß Freidank den hebräischen, nicht aber den lateinischen Text benutzt hat, setzt G. auseinander, daß „arebeitjan" althochdeutsch „plagen" heißt, was dem Autor woh! geglaubt werden kann, für unsere Stelle aber völlig gleichgiltig ist, denn im Mittelhochdeutschen hat das Wort durchaus die Bedeutung wie unser „arbeiten". — Bei Freidank heißt es ferner: „Die Fürsten befleißigen sich, daß sie früh essen", in der Vulgata „euinZ xrlneixes mane eomeäunt" der hebräische Text sagt nichts anderes. Aus welchem Grunde auch hier dieser benutzt sein soll, wird kein Leser einsehen. So ist in dieser Beziehung Gelbhaus' Beweis völlig hinfällig. Uebrig bleibt nur, daß zu den etwa 30 von anderen angeführten Bibelstellen ein paar Dutzend neue hinzukommen, auf welche G. hingewiesen hat. Wie äußerlich indessen diese Zusammenstellung von Bibelworten ist, mag folgendes Beispiel lehren. Bei Freidank heißt es: „Was mag der Topf sprechen, will ihn der Meister brechen". Dazu führt G. ^ätze aus den Klageliedern und aus Jesajas an. In den meisten dieser stellen ist nun wohl vom Töpfer und dem Thon die Rede, aber fast in keiner vom Brechen t) Mittelhochdeutsche Dichtung in ihrer Beziehung zur biblisch - rabbinischen Literatur. I. Heft: Freidank's Bescheidenheit von vr. S. Gelbhaus, Rabbiner und Prediger zu Nordhausen. Frankfurt a. M., I. Kaufsmann 1889. 62 SS.