Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 387 (sequence 15)
- Language
- German
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Geiger: Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung. 387 schließen, jene nimmt alle Ueberlieferung blindlings an, dieser will die Überlieferung auf ihren Werth prüfen. Müller setzt dann auseinander, daß die neuere allgemeine Geschichtschreibung zwei Grundsätze habe, erstens die früheren Thatsachen nach den ursprünglichen Quellen darzustellen und zweitens den Geist und den inneren Gedanken der Zeit „zu ergründen". Berstehe ich ihn recht, so meint er, daß das Letztere in Beziehung auf jüdische Dinge weniger dem Geschichtschreiber als dem Dichter möglich sei. Die allgemeine Antwort, die er nach einer Würdigung Komperts ertheilt, ist etwas bilder- und wortreich. Ich gebe sie mit den Worten des Verfassers: „Er muß die Bildungen der Zeit rnhig und ohne Aufregung betrachten; kalt wie ein Richter muß er ein wohlerwogen Urtheil fällen. In Fortschritt und Rückgang, im Vordrängen und Zurückweichen wird der Historiker nicht die Leidenschaft und den Mutwillen, nicht die Verkehrtheit und den falschen Zug der Erkenntnis, nicht Leichtfertigkeit und Vergewaltigung, nicht Herrschsucht und Ueberhebung, sondern den Wellenschlag der Geschichte erkennen, der die Anschauungen der Menschen in einer gedankenreichen Zeit berührt". Mir scheint, daß durch die Darlegungen Müllers der Dichter zu hoch erhoben und der Geschichtschreiber zu tief herabgedrückt wird; denn so verschieden der Beruf beider ist, und so gut es ganz gewiß für den Dichter ist, wenn er kein Historiker ist, so muß doch der Historiker seinerseits etwas Dichterisches oder mindestens etwas Künstlerisches in sich tragen. Aber vielleicht will der Verfasser einen solchen Unterschied gar nicht machen und durch seine Ausführungen nur den Beruf des Geschichtsschreibers definieren. Verstehe ich ihn recht, so geschieht dies in einer Weise, die mit den auch von dieser Zeitschrift vertretenen Grundsätzen wohl übereinstimmt; denn die <L>ätze, von denen diese Betrachtung geschichtlicher Dinge sich leiten läßt, könnten etwa so lauten: Der Historiker soll gerecht sein; aber er soll nicht versuchen, den Richter oder den Verteidiger und Staatsanwalt zu spielen. Das richtige und schöne Wort: „die Weltgeschichte ist das Weltgericht" darf nicht so ausgelegt werden, wie parteiische Geschichtsschreiber es auszulegen lieben, daß jeder Einzelne, der eine geschichtliche Abhandlung schreibt, einen Teil dieses Weltgerichts vorstellt und den Anspruch erhebt, die Parteien zu verherrlichen oder zu verdammen. Der Geschichtschreiber soll nicht die Einen beständig in Schutz nehmen und die Anderen von vorn herein für schuldig halten, bei der Darstellung der Einen die süßesten Worte und die leuchtendsten Farben, bei der der Anderen die dunkelsten Töne und die strasendsten Reden anwenden. Speciell auf den Geschichtschreiber der Juden angewendet, muß man sagen: er wird seinem hohen Beruf untreu, wenn er stets bestrebt ist, die Juden zu verherrlichen, ihre Gegner zu tadeln, wenn er den letzteren immer und immer nur schlechte Motive unterschiebt und ihr Handeln als einen Ausfluß gemeiner Gesinnungen charakterisiert, bei den Juden dagegen alles und jedes vortrefflich findet und ein Vergnügen darin erblickt, sie nicht nur als unschuldige Opferlämmer roh gesinnter und roh handelnder Feinde darzustellen, sondern ihre Cultur und Gesittung, ihre geistige und moralische Bildung für veredelter uud höher zu erklären als die ihrer Gegner.