Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 386 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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386 Geiger: Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung. Güdemann nur dazu dienen soll, die geistigen Bestrebungen der Deutschen zu verunglimpfen. Da wird kurzweg S. 3 der Satz gebraucht, in den vom Verfasser behandelten Jahrhunderten „wurde nicht mehr geglaubt". Da spricht der Verfasser aus derselben Seite davon, daß damals in Deutschland „falsches Geld, gefälschte Lebensmittel, gefälschte Kleiderstoffe und gefälschte Glaubenslehren" im Gebrauch gewesen wären, und man muß aus dem Zusammenhang glauben, daß nur selche Fälschungen aber keine echten werthvollen Dinge dieser Art mehr existirt haben. Da wird, wie schon oben bemerkt, das Volk davon freigesprochen, die Verfolgungen der Juden ins Werk gesetzt zu haben. S. 4 findet sich der Satz „denn ohne die Juden wären Reformation und Bauernkriege um hundert Jahre früher gekommen", eine ungeheuerlich klingende Phrase, die durch den folgenden Zusatz „so aber bildeten die Juden den Kanal, in den man die Unzufriedenheit des Volkes ableitete", nicht im mindesten gerechtfertigt wird, und endlich heißt es hier mit dürren Worten (S. 7): „Die Juden waren den Christen in der Bildung voraus", ein Satz, der sofort durch den Zusatz „Allerdings hat die jüdische Literatur dieses Zeitraums keine hervorragenden Erzeugnisse aufzuweisen" eine seltsame Illustration erhält. Als ich diese Einleitung alsbald nach Empfang des Buches Sommer 1888 las, empfand ich einen solchen Widerwillen, daß ich mich lange nicht dazu entschließen konnte, das ganze Buch durchzunehmen. Nun, da ich dasselbe durchgenommen, und, wie ich überzeugt bin, vorurteilsfrei geprüft, all das Gute, das in demselben ist, bereitwillig anerkannt habe, kann ich nur mit herzlichem Bedauern mich über den an vielen Stellen verfehlten Ton des Verfassers und über die gesammte Tendenz des Buches aussprechen, die ich für eine grundfalsche halte. Es ist dieselbe Tendenz, die von demjenigen ausgeht, welcher der Geschichte der Juden eine große Anzahl Bücher gewidmet, der aber die Wissenschaft der Geschichte eher geschädigt als gefördert hat. Diesen Widerspruch auch Güdemann gegenüber zu äußern sühle ich mich für verpflichtet, obwohl ich seine außerordentliche Gelehrsamkeit, sein gründliches Quellenstudium und seine an vielen Stellen hervortretende kritische Begabung durchaus anerkenne und würdige. Zu diesen theoretischen Auseinandersetzungen, zu denen G.'s Buch Anlaß gab, kommt eine kleine Schrift Joel Müllers ^) gerade zurecht, welche zwar hauptsächlich dem Erzähler Leopold Kompert gewidmet ist, aber diesen gerade als jüdischen Geschichtschreiber zu seiern versucht. Der Darlegung des Verfassers kann ich jedoch nicht ganz beipflichten. Was er von dem historischen Sinn der Juden sagt, der sich z. B. schon in den alten Gebeten äußert, scheint mir nicht richtig; eine Erinnerung an die Vorfahren, wie sie etwa in diesen Gebeten ausgesprochen wird, ist wohl ein Zeugniß der Pietät, nicht aber des historischen Sinns. Vielmehr könnte man gerade umgekehrt sagen, daß Pietät und historischer Sinn sich oft aus- Leopold Kompert als jüdischer Geschichtschreiber. Vortrag gehalten im Local des Brüdervereins in Berlin am 20. Februar 1888 von vr. Joel Müller, Docent für die rabbinischen Wissenschaften an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Separat-Abdruck ans vr. A. Brülls „Populär-wissenschaftliche Monatsblätter" 16 SS.