Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 385 (sequence 13)
- Language
- German
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Geiger: Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung. 385 besagen will, daß nämlich die Juden selbst ihre rabbinischen Autoritäten gering achteten, wird G. doch gewiß nicht gelten lassen wollen. Zu diesen Tendenzen gehört auch die übrigens schon bei Grätz vorkommende Meinung, es hätte damals in Deutschland judaisirende Sekten oder eine judaisirende Partei unter den Christen gegeben. Daß diese Behauptung für das 16. Jahrhundert irrthümlich ist, glaube ich oben Band II, S. 370 fg. nachgewiesen zu haben. Was Güdemann anführt (S. 155 ff.), braucht kaum zurückgewiesen zu werden; denn es bezieht sich nicht auf Deutschland, sondern aus Rußland Gehört alles dieses der Sinnesart des Verfassers an, so scheint mir auch die Schreibart nicht immer zu billigen. Güdemann verfällt manchmal in den Ton, der auf der Kanzel vielleicht, sicher im Feuilleton, gewiß aber nicht in einem wissenschaftlichen Buche angebracht ist. Ich finde es nicht angemessen, in einer wissenschaftlichen Darstellung das Wort Schwindel zu gebrauchen, wie Güdemann an manchen Stellen thut. Die ironische Redeweise, die z. B. S. 154 angewendet wird, erscheint mir unangemessen. Wenn es S. 173 Anm. 8 von einem Fürsten, der den Leichnam eines jüdischen Verbrechers nur gegen Geld herausgeben wollte, heißt „also auch mit der Pietät der Juden will der Fürst ein Geschäft machen", so muß daran erinnert werden, daß eben der Körper der Hingerichteten der Obrigkeit gehört und von ihr, mochte der Schuldige Christ oder Jude sein, nur unter Ausnahmebedingungen herausgegeben wurde. Oder ein anderes Beispiel. S. 148 wird eine Quellenstelle mitgetheilt, in der ein getaufter Jude verordnet, sein Bild solle ausgehauen werden dergestalt, daß es in der einen Hand eine Katze, in der anderen eine Maus halte, um damit anzuzeigen, daß der Jude einem Christen so wenig gut sein könne wie die Katze einer Maus. Danach fährt Güdemann in witzig sein sollender Redeweise fort: „Hier also stellt der Jude die Katze vor und der Christ die Maus, eine Vertheilung der Rollen, die gewiß nicht den tatsächlichen Verhältnissen entspricht". Davon ist nun aber in der Quellenstelle überhaupt gar nicht die Rede; der ganze wohlfeile Witz verunziert also nur die wissenschaftliche Darstellung. Das Schlimmste an dem Buche aber ist die Einleitung. Sie wimmelt von falschen und übertriebenen Behauptungen. Da wird gleich am Anfang gesagt, der Ausdruck „Jemand habe das Pulver nicht erfunden" stelle das Pulver als das Größte dar, was Menschen jemals erdacht haben. Da wird ferner gesagt, das Pulver sei von den Deutschen schneller angewendet worden als die Buchdruckerkunst, eine übrigens falsche Behauptung, die 2) Zu den unerwiesenen Behauptungen gehört auch die S. 154, die falsche Rücksicht aus fremden Unverstand habe den schimpflichen Iudeneid erhalten helfen, oder die gelegentliche Bemerkung (S. 153), daß die Bewohner der Städte aus innerer Zuneigung die jüdischen Mitbürger gegen den Landesherrn beschützten; es war von den Städten eine rein finanzielle Maßregel 3^t wie von den Fürsten, wenn sie gelegentlich Iudengönner waren. Auch eine andere mehrfach vorgetragene Behauptung des Verfassers, daß das Volk überhaupt judenfreundlich war, und daß nur von den Priestern der Judenhaß künstlich erzeugt wurde, glaube ich durch Anführung von Aeußerungen eines Geschichtsschreibers des 16. Jahrhunderts widerlegt zu haben (vgl. Bd. II, S. 320 fg.).