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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1889-01-01 · Heft 3 · p. Seite 384

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1889
Issue
Heft 3
Article
Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung
Date
1889-01-01
Page
Seite 384 (sequence 12)
Language
German
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384 Geiger: Zur Kritik der neuesten jüdischen GeschichtschreiVung. beiden Quellen führt Güdemann noch die Aeußerung eines modernen Nationalökonomen an, also ein Quellenmaterial, aus dem ein gewissenhafter und ernst urtheilender Historiker schwerlich etwas zu beweisen unternehmen wird. Ja, wollte man in der Art, wie Güdemann vorgeht, schließen, so könnte man eine von ihm im siebenten Abschnitt angeführte Quellenstelle genau ebenso gegen die Juden benutzen, wie er das Angeführte gegen die sittlichen Zustände der Christen verwendet. Dort heißt es: „Vermeide alle unkeuschen Gedanken und sieh deshalb kein Frauenzimmer an, es mag schön oder häßlich, verheirathet oder ledig, groß oder klein, eine Jüdin oder Nicht¬ Jüdin sein". Nach der von Güdemann häufig angewendeten Folgerungsweise könnte man ganz einfach schließen, die damaligen Juden waren unkeusch, sie ließen sich mit Frauen ein, mochten sie verheirathet oder nicht verheirathet, Jüdinnen oder Nicht-Jüdinnen sein. Wäre dies nicht der Fall gewesen — auch dies ist eine Folgerungsweise die G. häufig anwendet—, so würde der Sittenlehrer ja keine Veranlassung gehabt haben, derartige Vorschriften auszusprechen. Man sieht aus diesem einen von mir vorgebrachten Beispiele, das ich selbstverständlich nicht ernst nehme, wohin man mit derartigen Schlüssen und Beweisführungen gelangt. Dieses tendenziöse Verfahren zeigt sich aber auch sonst oft genug. S. 128 wird z. B. dargethan, daß die jüdischen Begräbnisse einfach gewesen seien. In der Anmerkung 2 wird ein Zeugnis des Sebastian Frank aus dem Jahr 1534 (für die von Güdemann behandelte Zeit also gänzlich irrelevant) mitgetheilt, wonach die christlichen Leichenbegängnisse sehr kostspielig gewesen seien. Dies soll nun als ein Zeugniß dafür gelten, daß die Leichenbegängnisse in Deutschland überhaupt während des 14. und 15. Jahrhunderts mit übertriebener Pracht gehalten wurden; aber diese 8in^ularlta.3 t68twm kann in ernster Weise gewiß nicht als beweiskräftig gelten. Zu diesen tendenziösen Uebertreibungen gehört auch folgendes. G. weist nach (S. 75 ff. vgl. oben), daß im 15. Jahrhundert von Rabbinern einzelne deutsch-sprachliche Untersuchungen vorgenommen wurden. Daraus zieht er den zum mindesten übertriebenen Schluß, „daß sie mit ihren phonetischen Untersuchungen über das Deutsche den Deutschen um mehrere Jahrzehnte, wenn nicht um ein Jahrhundert .... vorausgeeilt sind". Und um dies gleichsam durch ein Zeugniß eines Christen zu beweisen, führt er eine Aeußerung des Johannes Agricola an. Nun muß G. wissen, daß Agricola diese Aeußerung erst im 16. Jahrhundert gethan hat (die erste Ausgabe der Sprüchwörter A.s erschien 1529), daß sie also, selbst wenn sie das sagte, was G. aus ihr schließen will, für ein früheres Jahrhundert nicht viel beweisen kann, und zweitens, daß diese Aeußerung nichts anderes heißen soll, als daß die Verdeutschung des alten Testaments den Juden zum Verständnisse desselben nützlicher sei als ihre Commentatoren. Die Stelle soll also nichts anders sein als die im 16. Jahrhundert bei christlichen Schriftstellern so oft wiederkehrende Aeußerung von der Wertlosigkeit der rabbinischen Schriften. Für die Kenntniß der deutschen Sprache seitens der Juden beweist sie auch nicht das Allergeringste; das Einzige aber, das sie, ebenso wie viele ähnliche Aeußerungen dieser Art, wirklich

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