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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1889-01-01 · Heft 3 · p. Seite 378

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1889
Issue
Heft 3
Article
Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung
Date
1889-01-01
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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378 Geiger: Zur Kritik der Neuesten jüdischen Geschichtschreibung. ganz angebracht ist, den peinlichen Vorgängen, die sich bei der Leichenausstellung Kaiser Wilhelms I. in Berlin abspielten, die musterhaste Ordnung entgegenzustellen, welche bei ähnlichen Volksansammluugen in Wien zu herrschen Pflegt, und die ersteren gewissermaßen als eine Wirkung der durch den Antisemitismus entstandenen Verrohung zu bezeichnen ^). Als geschichtliches Dokument aus diesem Kapitel sei ein S. 176 mitgeteiltes Actenstück des Censors Franz Haselbauer aus d. I. 1736 erwähnt^, in welchem bezeugt wird, daß in den jüdischen und rabbinischen Schriften nirgendwo der Gebrauch des Christenblutes gefordert werde. In den vier ersten Kapiteln des Wolf'schen Buches wird zunächst die politische Geschichte der Juden in Oesterreich in den letzten vierzig Jahren ausführlich dargelegt: die höchst mannigfaltige verwirrte inconsequente Behandlung der Juden in den verschiedenen Kronländern vor 1848, die freiheitlichen Bestrebungen des Jahres 1848, die verschlimmerte Lage der Juden in den Jahren der Reaktion und unter Mitwirkung des Concordats, — auch in den späteren Zeiten waren es Geistliche, welche häufig genug gegen die den Juden gewährten Rechte protestirten — die tastenden Versuche, welche so characteristisch für die fünfziger Jahre sind, die freiheitliche Grundlegung, die mit dem Jahre 1859 begann, die durch die Verfassungssistirung 1865 kaum veränderten Zustände und endlich die noch heute geltenden Bestimmungen des Staatsgrundgesetzes von 1867. Es war nicht immer leicht, die häufig sehr verschiedenen Bestimmungen und entgegengesetzten Bestrebungen, wie sie in einzelnen Kronländern herrschen, zu einem ansprechenden Bilde zu vereinigen. Wolf hat diese Schwierigkeit im Ganzen recht wohl besiegt. Für alle Einzelheiten sei aus das Buch selbst verwiesen, da diese Anzeige nicht den Zweck hat, einen erschöpfenden Auszug aus Wolfs Darlegungen zu geben und noch weniger den Forscher und Leser, welche sich für den Gegenstand interessiren, von dem Lesen des Buches zu dispensiren. Der äußern politischen Geschichte, welche in den beiden ersten Kapiteln behandelt ist, folgt in dem dritten und vierten die Schilderung der innern EntWickelung der Juden. Unter dem Titel „Kultus und Kultur" wird die Veränderung des Gottesdienstes, wie sie sich seit etwa 50 Jahren vollzog, im Einzelnen geschildert, aber auch die Handels-, Fabrik-, geistige und künstlerische Thätigkeit der Juden auseinandergesetzt. Ich möchte nicht, daß das Wort „jüdische Wissenschast", welches Wolf S. 105 und sonst vielfach braucht, sich verewigte. Es giebt höchstens eine Wissenschaft des Judenthums; eine jüdische Wissenschaft dagegen soll es ebenso wenig geben wie eine christliche. Ein anderes Bedenken ist gegen die vielfachen Namensaufzeichnungen geltend zu machen, welche sich bei Wols finden. Er ist gar zu gewissenhast z. B. alle diejenigen Juden in Oesterreich aufzuzählen, t) Wie ungerecht übrigens diese ganze Darlegung ist, zeigte sich erst jüngst (Februar 1889) bei der Volksansammlung vor der Kapuzinerkirche in Wien, in welcher die Leiche des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich ausgestellt war. 2) Derselbe Censor war früher (1726) gegen angebliche Christenlästerungen seitens der Juden entschieden aufgetreten. Vrgl. Zeitschr. II, S. 388.

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