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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1889-01-01 · Heft 3 · p. Seite 376

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1889
Issue
Heft 3
Article
Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung
Date
1889-01-01
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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376 Geiger: Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung. Voreingenommenheit, ohne phrasenhaftes Gerede und doch zugleich mit voller Wärme für den behandelten Gegenstand und die geschilderte Person. Während D. Kaufmann in dem eben besprochenen Buche seinen ersten Versuch in der modernen Historiographie macht, ist G. Wolf, der dieser Zeitschrift; schon eine Reihe bemerkenswerter Beiträge gegeben hat, ein erprobter Arbeiter auf diesem Felde. Sein jüngst erschienenes Buch ^) zeigt die bekannten und oft gerühmten Vorzüge, aber auch einige Mängel des Schriftstellers. Seit einer Reihe von Jahrzehnten beschäftigt er sich fast ausschließlich mit der Geschichte der Juden in Oesterreich und hat zu diesem BeHufe, wie keiner vor und neben ihm, die Archive des Reichs, der Stadt Wien und der jüdischen Gemeinde benutzt. Diese Benutzung zeigt sich auch in dem vorliegenden Buche aufs erfreulichste. Die Bereitwilligkeit der Behörden, dem Forscher das Material zu gewähren, muß um so freudiger anerkannt werden, als die Zeit, welche er schildert, der Gegenwart dermaßen nahe steht, daß andere Archive solches Material zur Benutzung auszuhändigen Bedenken tragen. Aus dieser Fülle des Materials einerseits und aus der vielfältigen Benutzung desselben in früheren Zur Kulturgeschichte in Oesterreich-Ungarn 1848—1888. Von G. Wolf, Wien 1888. A. Holder IV und 186 SS. Das Buch ist eine Art Iubiläumsschrift über und sür die vierzigjährige Regierungszeit des Kaisers Franz Josef I. In einer Anmerkung wenigstens soll bei dieser Betrachtung der Geschichte der Juden in Oesterreich und speciell in Wien auf eine kürzlich erschienene Veröffentlichung: „Aus dem Burgtheater. Tagebuchblätter von C. L. Costenoble, 2 Bände, Wien 1889" hingewiesen werden. Der Autor, welcher als Schauspieler und Regisseur 1818—1837 in Wien wirkte, registrirt mit Behagen die Erfolge, die er grade in der Darstellung jüdischer Typen in Cumberlands „Jude" und in manchen judenfeindlichen Possen davon trug. Er gibt sogar adligen Herren und Damen, welche das Stück „Unser Verkehr" ausführen wollten, Unterricht im Iüdeln. Interessant ist seine Aufzeichnung (11. Jan. 1820) „Nathan der Weise". Der Jude trägt kein Geld mehr ein. Man sollte es einmal mit dem Shylock versuchen, aber den erlaubt — die Censur? o nein — die Iudenschaft nicht. — Die vornehme Iudenschaft ist hier weit ängstlicher als jene Hamburgs. Dort ist es keinem Israeliten eingefallen, gegen die Vorführung des „Kaufmanns von Venedig" zu opponiren. Daß ein Pasquill, wie „Unser Verkehr" hintertrieben wurde, war gerechtfertigt, weil in dieser Farce die Iudenschaft beißend angegriffen und lächerlich gemacht wird; aber Shylock ist ja so eine grandiose Ausnahme seiner Nation, daß es keinem Hamburger Israeliten einfiel, sich mit ihm zu vergleichen. Und selbst dieser Wütherich Shylock — hat er Unrecht, wenn er sich, ein hartgetretener Wurm, heftig krümmt? Darf man ihm verargen, wenn er Pfui ausruft gegen eine Nation, die ihn anspeit?" — S. 112 fg. (1821) erzählt er, wie er einen jüdischen einflußreichen Theaterenthufiasten umzustimmen sucht, damit auch er sür die Aufführung Shylocks agitire, aber ohne Erfolg. Endlich gelingt es ihm eine Aufführung des ersehnten Stückes zu erwirken (1. Jan. 1833), das seitdem auf dem Repertoire bleibt. Bei der Darstellung derselben Rolle durch einen andern Schauspieler (13. April 1833) gibt er einige gute Bemerkungen über den Charakter der Rolle. Einige derselben lauten: „Die hämischen Repliken Shylocks gegen Graziano und die Entschuldigung, daß er keinen Feldscher kommen lassen könne, weil dies nicht im Scheine stehe, wurden — abgesehen von dem gemeinen Umhergaffen und den gewöhnlichen Körperwendungen eines Betteljuden — meisterhaft gebracht. Shylock ist in seiner Stellung einer der Vornehmsten seiner Glaubensgenossen, und ich habe selbst die buckelige Haltung Devrients nicht für zweckmäßig gefunden, welche alles Grandiose im Charakter vernichtet."

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