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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1889-01-01 · Heft 3 · p. Seite 375

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1889
Issue
Heft 3
Article
Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung
Date
1889-01-01
Page
Seite 375 (sequence 3)
Language
German
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Geiger: Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung. 375 eignet sei, einen Generalaufstand, eine Empörung hervorzurufen, erwirkte, daß das Buch confiscirt wurde (21. Juli). Freilich konnte Wertheimer nur durchsetzen, daß das Buch in dem Reiche bis 1741 unter Schloß und Riegel gehalten wurde. (Die Eisenmengerschen Erben, welche von den Juden Schadenersatz verlangten, wurden erst 1773 mit ihrer Klage abgewiesen). Aber außerhalb des Reichs mit dem Druckort Königsberg wurde das Buch 1711 veröffentlicht. In Wirklichkeit aber war das Buch gar nicht in Königsberg, das nicht zum Reiche gehörte, sondern heimlich in Berlin gedruckt; König Friedrich I., der sich bei dem Kaiser vergeblich um Freilassung des Buches bemüht hatte, war den Herausgebern entgegengekommen und hatte es in seiner Residenz nachdrucken lassen. Am ehrwürdigsten aber erscheint die Gestalt Wertheimers durch seine wahrhaft sürstliche Wohlthätigkeit, die er den Armen und Bedrängten allerorten, in erster Linie den jüdischen Gemeinden Oesterreichs und wissenschaftlichen Unternehmungen, sowohl in seinem zweiten Vaterlande, als „Draußen im Reiche" zuteil werden ließ. So ließ er auf seine Kosten eine Ausgabe des babylonischen Talmud veröffentlichen, erlebte aber freilich dessen Erscheinen nicht, weil seine Gegner diesem Werke dasselbe Schicksal bereiteten, wie er es dem Eisenmengerschen Buche bereitet hatte. Auch hier wurden die Exemplare Jahrzehnte lang unter Schloß und Riegel gehalten. Wertheimer führte den Titel Rabbiner aber nicht blos als Ehrentitel, sondern er verdankte ihn seiner großen und ausgebreiteten Gelehrsamkeit. Er veröffentlichte zwar nicht gelehrte Schriften, aber hinterließ handschriftlich einen starken Band hebräischer Predigten, religiöse Betrachtungen, welche er für sich angestellt oder die er in Versammlungen von Freunden und Verwandten gehalten hatte. Diese Predigten sind zum Teil Strafreden gegen religiöse und gesellschaftliche Mißbräuche, z. B. gegen den Besuch der „Kaffeehäusel", häufiger freilich scharfsinnige Erklärungen von Bibel- und Midraschstellen. Er schrieb auch manche Totenklagen um Heimgegangene Gelehrte, beantwortete schwierige Rechtsfragen, die von verschiedenen Seiten an ihn geschickt wurden, und schrieb für manche neu erscheinende Bücher Approbationen, welche die Schriftsteller als einen Ehrenschmuck ihren Büchern voranstellten. Trotz seines großen Reichtums verlor er nie die Würdigung echt menschlichen Wesens aus den Augen. Bescheidenheit und Tugend galten ihm mehr als Schätze; folgende für seinen ältesten Sohn bestimmte Stelle aus seinem Testament ist dafür ungemein charakteristisch: „Es ist mein ausdrücklicher Wunsch und Wille, gültig übrigens für alle meine Kinder, daß weder auf Geld noch auf Schönheit, Ehren und Größe Rücksicht genommen werde, er heirathe vielmehr die Tochter eines in Israel angesehenen Gelehrten." Samson Wertheimer starb am 6. August 1724. Es wäre fiir die Geschichte der Juden in Deutschland ein großer Gewinn, wenn Kaufmann diesem ersten Versuche andere folgen lassen wollte, und ein noch größerer, wenn dieses Beispiel andere Gelehrte veranlassen würde, in seinem Sinne zu arbeiten und geschichtliche Darstellungen zu liefern, sorgfältig und treu nach den Quellen gearbeitet ohne

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