Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Geiger: Zur Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibung. stand auseinandergesetzt und Irrtümer oder nicht zutreffende Behauptungen anderer Forscher rein sachlich berichtigt. Nur selten wären ausführlichere Mittheilungen zu wünschen. So scheint es mir nicht genügend, wenn bei Erwähnung eines gegen Wertheimer geschmiedeten Mordplanes 1697 in der Anmerkung nur gesagt wird (S. 20 Anmerk. 4): „Nach Mittheilungen, die ich dem kgl. preußischen geheimen Staatsarchiv in Berlin verdanke"; man hätte über den Fundort (Fascikel, Signatur) und über die Thatsache etwas näheres zu erfahren gewünscht. Aber in einer Beziehung ist das Buch eine Familiengeschichte, nämlich darin, daß über die Frau und die Kinder des Behandelten, ihre Verheiratung und ihre Familie genaues Detail berichtet wird. In diesen Mittheilungen dem Verfasser zu folgen ist meine Sache nicht. Ich kann nur kurz die Geschichte des Haupthelden ins Auge fassen. Samson Wertheimer, aus Worms stammend, befand sich feit dem 2. December 1684 dauernd in Wien. Dort machte er zuerst in Verbindung mit Samuel Oppenheimer kleinere Geschäfte, stieg als „des Factors Bestellter" bald höher, wurde Lieferant der höchsten Herrschaften und der obersten Staatsbehörden, hatte als solcher manche Plackereien mit den Unterbehörden zu bestehen, wurde aber von dem Kaiser und den höchsten Beamten geschätzt und geschützt. An Stelle der Lieferungen traten bald Finanzunternehmungen und staatliche Creditoperationen. Aber Wertheimer war kein gewöhnlicher Finanzmann. Er war vielmehr ein vornehmer Herr, auch äußerlich ungemein stattlich, wie sein noch vorhandenes Bild zeigt, weltmännisch gebildet, durch solche Bildung zum Umgange mit den Großen geeignet, dabei aber auch ein großer Gelehrter. Von der Gunst dreier Kaiser, Leopold, Joseph, Karl VI., deren Privilegien in unserem Buche abgedruckt sind, getragen, wurde er Hoffactor; es ist aber für die Stellung der Juden characteristisch, daß selbst ein so begünstigter, durchaus in einer Ausnahmestellung befindlicher Mann das Privilegium nicht etwa auf Lebenszeit oder gar für seine Kinder, sondern immer nur auf 20 Jahre erhiett. Jahrzehnte lang hatte er nicht nur die finanziellen Nöten des Kaiserstaates, einzelner Mitglieder des kaiserlichen Hauses, einzelner großer Feldherren zu befriedigen, sondern auch diplomatische Geschäfte mancherlei Art zu besorgen. In dieser Thätigkeit war er weit glücklicher als manche seiner Zeitgenossen, die bei anderen Fürsten in ähnlicher einträglicher aber beneideter und verantwortlicher Stellung lebten; er hatte nicht, wie die meisten Schmälerung oder Verlust der Neigung seines fürstlichen Herrn oder den bedenklichen und oft gefährlichen Wandel der Volksgunst zu erfahren. Seine Gelehrsamkeit wurde dadurch geehrt, daß er sowohl von Ungarn, als auch von Prag den Titel eines Rabbiners und Landrabbiners erhielt, ja von Jerusalem den Titel des Fürsten des heiligen Landes empfing. Die Juden jedoch übertrugen ihm nicht blos ehrenvolle Titel, sondern beauftragten ihn mit der Vertretung ihrer Interessen. So war er es, welcher von Frankfurt aus (Mai 1700) auf das Erscheinen des Eisenmengerschen Buches „Das entdeckte Judenthum" aufmerksam gemacht wurde und welcher durch eine Vorstellung beim Kaiser (12. Juli), daß das Buch unwahr und ge-