Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Sage und Sang im Spiegel jüdischen Lebens
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 237 (sequence 4)
- Language
- German
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Kohler: Sage und Sang im Spiegel jüdischen Lebens. 237 Ein Umblick in die Literatur der verschiedenen europäischen Völker setzt es außer Zweifel, daß diese Volkslieder weit über das 15te Jahrhundert hinaufreichen. Sonderbarerweise findet sich das nach Zunz den Deutschen abgelauschte Lied vom Zicklein am ähnlichsten im englischen Volkslied wieder und zwar in allerlei Barianten; siehe Halliwell's Rurser? kk^mes 1853. Da ist zuerst das bekannte: ^is i8 tds KouLs tkat «saek duilt. „Jacob baut ein Haus, darin ist das Malz, das da frißt die Ratte; die bringt um die Katze; die quält der Hund; den stößt die Kuh; die melkt die Dirne; die küßt der Mann; den traut der Priester; den weckt der Hahn; den hält der Landmann". Wie so dieses Lied aus dem jüdischen entstanden sei, wie Halliwell glaubt, ist um so weniger einzusehen, als demselben sogleich ein anderes folgt, das dem elsässischen vom Schweinchen, das nicht gehen will, oder dem schweizerischen vom Kälblein, das nicht trinken will, ähnlich ist. (Siehe Rochholz: das allemannische Kinderlied 149—155.) Ohne Zweifel gehen beide aus ein volksthümliches Spiel zurück. Scheffler in s. Französische Dichtung und Sage S. 251—255 giebt verschiedene Lieder aus Frankreich, die von Kindern dramatisch gesungen werden vom Zicklein, das nicht aus dem Kohlfeld weichen, dem Wolf, der das Zicklein nicht fressen, dem Hund, der den Wolf nicht beißen, dem Stock, der den Hund nicht schlagen will, bis er selbst erscheint; oder vom Wolf, dem Hund, Stock, Feuer, Wasser, Kalb, Metzger und schließlich der Teufel folgt. Auch er glaubt die Fabel vom jüdischen Ursprung des Liedes. Rochholz a. a. O. führt sogar einen lateinischen Text des Liedes vom Joggeli, der für den Herrn die Birn schütteln soll an und gibt die interessante Mittheilung, daß dasselbe Lied in westphälisch Münster bei der Procession zum Lambertussest gesungen wurde, gerade wie die Züricher Kinder es 1767 sangen. Aber auch Italien kennt dasselbe Lied (S. Crane „Italiau k>oxu!ar lales" S. 247 u. 374) und zwar in den verschiedensten Wendungen, bald mit dem Schweinchen beginnend und dann zum Hund, Stock, Feuer, Wasser, Ochsen, Metzger, Strick zum Hängen, Ratte zum Strick zerreißen und zuletzt zur Katze zum Verzehren der Ratte kommend, wie das englischelsässische; oder mit einem Zicklein, das die Weinflasche zerbrochen, beginnend und vom Wolf zum Hunde, Stock, Feuer, Wasser, Ochs, Metzger, Henker, Tod, und schließlich zum Wind, der den Tod wegträgt, fortschreitend. Nach Crane S. 375 hat bereits Gaston Paris in der komanis. I x. 224 dem Lied den jüdischen Ursprung abgesprochen (vgl. oben S. 226 A. 1) und man sieht in der That nicht, wie man überhaupt etwas Ernstes oder Urwüchsig-Jüdisches in dem Scherzlied finden kann. Nun aber hat schon Hammer-Purgstall in s. Gemäldesaal IV, 197 auch eine persische Parallele gefunden. Sollen auch die Perser wie Neugriechen und alle europäischen Völker dieses Lied vom jüdischen abgezweigt haben, um es in hunderterlei Variationen zu singen? Nur wer für Volkssage und Sang kein Verständniß hat, kann das glauben. Paulus Cassel hat in s. „Aus dem Lande des Sonnenaufgangs" 1885 das Lied auf seine eigenartige mystische Weise behandelt, doch mit Recht darauf hingewiesen, daß der Ochs, der das Wasser austrinkt, nur ein 16*