Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Sage und Sang im Spiegel jüdischen Lebens
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 3)
- Language
- German
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336 Kohler: Sage und Sang im Spiegel jüdischen Lebens. Küele, das Küele vom Metzger gestraft werden soll, und der letztere schließlich vom Henker getroffen wird, — zur Begleichung heranzieht, und dann das jüdische Pesachlied, das im chaldäischen Text erhalten ist, zur Grundlage macht. Er glaubt sich dazu um so mehr berechtigt, als auch das Zahlenlied im griechischen Volkslied seine Parallele hat: ^VVO5 O 9^05 §ÜO H 7i«v«^oc ^pl« H «^5« 'rsFFC? LÜcx^eXlc?^«^ zc. ganz dem jüdischen Lied entsprechend: Eins, wer weiß das? Eins das weiß ich:° Eins — das ist unser Gott im Himmel und auf Erden. Denselben unrichtigen Standpunkt nimmt auch Gelbhaus ein: „Ueber Stoffe altdeutscher Poesie", wenn er S. 54 das deutsche Volkslied Milbchen und Grillchen: Milbchen hat sich verbrannt Grillchen weint Thürchen knarrt Besenchen kehrt Wägelchen rennt Mistchen brennt Bäumchen schüttelt sich aus dem „tiefsinnigen", „allegorisch die jüdische Leidensgeschichte darstellenden" Chad Gadjo herleiten will. Bedeutung für die Schilderung der Juden noch anderweitig zurückzukommen ist (vgl. dazu ein ähnliches, wenn auch nicht ganz entsprechendes aber durchaus deutsches Lied, rnitgetheilt von Birlinger Alemannia 1883 S. 64 fg.). Freilich kommt das Lied auch bei anderen Nationen vor, vgl. die Berichte über derartige burgundische und proven^alische Lieder in Abr. Geigers Jüd. Zeitschrift, XI, S. 189 und 250. Gaston Paris, der das ersterwähnte Lied u. d. T.: I^a. enansou äu enevreau veröffentlichte, glaubte nicht, daß das Lied aus dem Französischen in die Haggadah übergegangen sei. Bekanntlich haben christliche Erklärer dem Liede eine tiefere, symbolische Bedeutung zu geben gesucht (vgl. die Zusammenstellung bei Ulrich a. a. O. S. 133—137 und Birlinger und Crecelius in ihrer Ausgabe des „Wunderhorn" II, 422), ein Versuch, der indessen auf einer Verkennung des eigentlichen Charakters des Liedes beruh. Eine fernere Mittheilung sendet Herr vr. Ä. Rosenzweig. Er schreibt: „Rosegger legt in seinem Roman: Der Gottsucher im II. Bde. das von Ihnen mitgetheilte Lied: „Lieber Freund, ich frage dich", als Lied Schäfern in den Mund. Auf eine an ihn vor Jahren gerichtete Anfrage, woher er das Lied habe, antwortete er mir, er habe es in seiner Heimat als Junge vernommen". — Das Vorstehende war niedergeschrieben, als mir von Herrn vr. K. Kohler, Rabbiner in New-Jork der obige Aufsatz mitgetheilt wurde. Durch denselben wird wie mir scheint die Sache in ein ganz neues Licht gerückt. Entfernt sich auch in Folge der interessanten vergleichenden Untersuchung der Gegenstand etwas von der Geschichte der Juden in Deutschland, so scheint mir doch der ganze Aufsatz, in welchem wir eine Anteilnahme an unseren Bestrebungen aus dem fernen Westen freudig begrüßen, der Aufmerksamkeit aller derer Werth, welche dem feinen Zusammenhang geistigen Lebens in den verschiedensten Landen nachspüren und bei dieser Forschung auch den Juden ihre Stelle einzuräumen streben. L. G.