Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 40)
- Language
- German
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224 Geiger: Bor hundert Jahren. als Glieder der herrschenden Kirche sich an ihren Feinden zu rächen hofften. Viertens das nicht eben sehr redliche Vornehmen mancherlei „unvergleiteter", d. h. ohne Erlaubnis (Schutzbrief) der Obrigkeit in Berlin lebender, welche sich durch einen Uebertritt das Recht zu erkaufen gedachten in Berlin zu bleiben. Fünftens das Vorgehen jüdischer Dienstmädchen oder weiblicher Personen Niedern Standes überhaupt, welche von einem Christen geschwängert waren und in der Taufe das einzige Mittel sahen, von ihren Verführern die Erfüllung des von diesen gegebenen Heiratsversprechens zu erzwingen oder denselben wenigstens die Erfüllung zu erleichtern. Daß von den ersteren die Akten nichts berichten, versteht sich von selbst. Dagegen haben wir darüber eine merkwürdige Schrift, die ich noch nirgends angeführt gesehen habe, und auf die ich deshalb die Aufmerksamkeit lenken möchte. Das Buch heißt „Charlotte Sampson oder Geschichte eines jüdischen Hausvaters, der mit seiner Familie dem Glauben seiner Väter entsagte. Eine Geschichte der neuesten Zeit". (Berlin bei I. F. Unger. 1800. 240 S.) Charlotte Sampson ist ein junges Mädchen, das mit einem Christen Julius Hernau heimlich verlobt ist. Sie hofft sich mit ihm vereinigen zu können, weil sie wähnt, daß das bekannte Sendschreiben jüdischer Hausväter an Probst Teller den gewünschten Erfolg d. h. eine Bereinigung der Juden mit den Christen haben würde. Da Teller eine solche Vereinigung ohne wirkliche Taufe ablehnt, so scheitern die Hoffnungen des jungen Paares. Hernau flieht daher mit Charlotte und will sich in der Nähe Berlins trauen lassen. Sie kommen nach mancherlei Abenteuern, deren Erzählung unserm Zwecke fern liegt, zu einem Prediger Wartenfels, der statt dem Wunsch des jungen Paares zu genügen, die Eltern des Mädchens von der Ankunft des Flüchtlings benachrichtigt und dieselben veranlaßt, mit einem Freunde des Baters, einem Rabbiner, und dessen Tochter nach dem kleinen Dorfe zu kommen. Dort entspinnen sich große religiöse Debatten. Der Prediger, ein außerordentlich aufgeklärter Mann, giebt S. 55—105 eine lange Kritik des Sendschreibens, in welcher er bei aller Achtung vor der Gesinnung der Schreiber doch mehr den christlichen Standpunkt hervorhebt, wenn er auch freilich sowohl in dieser Kritik wie in anderen Bemerkungen gegen Teller aufs Heftigste polemisiert. Die religiösen Gespräche, welche sich an diese Kritik anschließen, sind überaus interessant. Der Verfasser der Schrift, der nicht bekannt, der aber offenbar in der Reihe der Christen zu suchen ist, muß mit jüdischen Dingen ziemlich vertraut sein. Denn die Verteidigung, welche er die in der Erzählung auftretenden Juden, gegen die ihnen von Wartensels gemachten Vorwürfe, sie seien nnmoralicher als die Christen, sie seien nicht wohlthätig, sie hätten kein inniges Familienleben, unternehmen läßt, ferner das Eingehen auf jüdische Gebräuche und Glaubenslehren zeugen von einiger Vertrautheit mit den behandelten Gegenständen. Aus die Kritik des Sendschreibens folgt eine Auseinandersetzung christlicher Lehren seitens des Pfarrers, ferner die an die Freunde gerichtete Aufforderung, zum Christentum überzugehen, freilich mit der Bedingung, „sich nicht auf den strengen Buchstaben eines gewissen Shmbolums, sondern nur auf die Bibel taufen zu lassen" (S. 183). Mit dieser Beschränkung entschließt sich Sampson