Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 223 (sequence 39)
- Language
- German
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Geiger: Vor hundert Iahreu. 223 Als zeitiger Verwalter des hiesigen Rabinats habe ich diesen Vortrag gehalten, und Zwar ganz in derselben Art und Sprache, wie alle meine Vorgänger hier und sämmtliche Rabiner in den gesammten Judengemeinden ihre Reden bisher gehalten haben, nähmlich in der deutschen Sprache, wie diese meine Unterhaltungssprache ist und die meiner Borgänger war. Da ich nun ein geborener Deutscher aus Glogau gebürtig bin, so mag wohl meine Mundart von der meiner polnischen Glaubensgenossen abweichend sein und sich der hochdeutschsten Sprache mehr nähern. Ein solcher religiöser Vortrag wird von mir und meinem Amtsgenossen, wie dies von unfern Vorgängern hier seit uralter Zeit geschehen ist, während des Sommers abwechselnd an jedem Sabbath-Nachmittag gehalten, und zwar in der Synagoge. Auch ist es notorisch und eine bekannte Thatsache, daß sowohl in hiesiger jüdischen Gemeinde, sowie in andern Judengemeinden seit langer Zeit das Gebet Kanottsn in hebräischer Sprache und deutscher Übersetzung aushängt, das jedoch nur in hebräischer Sprache gehalten wird. Das Aushängen des Gebets Nääuk kaäw in deutscher Sprache neben der hebräischen enthält durchaus nichts, was dem bisherigen jüdischen Religions-Kultus im Mindesten entgegen ist. Berlin 26. Juli 1827. I. I. OeLtinger." 5. Zum Capitel der Zudentaufen in Berlin. Auch die folgenden Mitteilungen sind fast ausschließlich den Akten des Berliner Staatsarchivs (verschiedene Fascikel tragen die Aufschrift „Judensachen <F6N6raILa Nro. 30; bei meinen meisten Notizen fehlte eine genauere Bezeichnung) entnommen. Auch der Charakter der Darstellung soll daher durchaus ein historischer sein. Es handelt sich dabei also weder um psychologische Untersuchungen noch um Erörterungen von Opportunitätsgrü'nden, sondern um einfache geschichtliche Darlegung eines, wie freilich von vornherein bekannt werden muß, sehr heiklen Gegenstandes. Da aber gerade im 18. Jahrhundert und im Anfang des 19. der Uebergang der Juden zur christlichen Religion so häufig war, daß die ernsteren Hausväter das Bestehen ihrer angestammten Religion in Frage gestellt sahen, so lohnt es sich, auf die Angelegenheit einen Blick zu werfen. Freilich tritt hier einer jener Fälle ein, in welchem die Akten uns keineswegs den letzten und ausschließlich gültigen Aufschluß geben: über Geheimnisse des Herzens giebt es selten Aktenstücke. Fünf Motive sind es, welche im 18. Jahrhundert in Berlin manchen Juden den Uebertritt zum Christentum wünschenswert machten: Erstens die reine Ueberzeugung von der Wahrheit der Schwesterreligion. Zweitens die Lust von Mädchen aus den reicheren Familien, sich mit Christen zu verheiraten und dadurch eine gesellschaftliche Stellung einzunehmen, welche ihrer Bildung und ihrem Reichtum entsprach oder die Neigung junger jüdischer Männer, an den gesellschaftlichen und staatlichen Vorrechten ihrer christlichen Genossen teilzunehmen. Drittens persönliche Gereiztheit einzelner, welche sich von der Mehrheit ihrer Glaubensgenossen in geschäftlichen Dingen beeinträchtigt oder sonst schlecht behandelt wähnten, und die