Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2259275-2259329-2259332-2263994--1148-2264139- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
312 Geiger: Vor hundert Iahren. wenden, erhielten von ihm aber ein Gutachten, das sich durchaus gegen die herrschende Sitte aussprach. Die Schweriner Gemeinde beruhigte sich dabei nicht, wandte sich an den Hamburger Rabbiner, Jakob Hirschel (bekannter unter dem Namen: Jakob Emden), der in den alten Traditionen ausgewachsen und befangen, die Unsitte mit sophistischen Gründen vertheidigte um nach der Art solcher Eiferer Mendelssohn zu belehren und womöglich zum Widerruf zu bringen. Mendelssohn replicirte auf dieses Ansinnen und vertheidigte seine Meinung mit neuen Gründen^). Nach dem Tode des Hamburger Rabbiners wurde die ebenerwähnte Correspondenz2) veröffentlicht — wie es scheint auch in einem deutschen Auszug 2) — gab Anlaß zu literarischer Controverse und hatte praktische Folgen. Diese bestanden z. B. darin, daß das k. k. Gubernium zu Prag, trotz einer gegen jenen Auszug gerichteten Streitschrift Jechaskel Landau's^) den Juden verbot, ihre Todten vor Ablauf von 24 Stunden zu beerdigen (12. Juli 1786). Jene Controverse trat in deutschen, der Aufklärung dienenden Blättern hervor. Einer der Ersten war I. D. Michaelis, der, unter Zustimmung Dohms diesen Mißbrauch bekämpftes; unter den Juden Joel Löwe^), Oberlehrer an der Wilhelmsschule in Breslau, ehemals Hauslehrer im Hause Dav. Friedlaenders, der, wol durch die Veröffentlichung im „Sammler" veranlaßt, gegen diese Unsitte Front machte. Lange vor dem Letztern war es Oberconsistorialrath Büsching, der mit Wärme und Nachdruck für die Juden eintrat, indem er ihre Mißbräuche bekämpfte (Verl. Monatsschrift 1785, Febr. S. 106 fg). Auch in diesem Falle zeigte der unermüdliche und streitbare David Friedlaender seine kampflustige und vernünftige Anschauung. Im Aprilheft der Berlinischen Monatsschrift 1787 veröffentlichte er „Ueber die frühe Beerdigung der Juden ein Brief aus Prag nebst einigen Urkunden". Die Tendenz seiner Veröffentlichung ist eine eminent practische: er möchte dafür wirken, daß ähnliche Befehle wie die in Prag erlassenen auch in Preußen gegeben und durchgeführt würden. Friedlaender erhielt noch in demselben Jahre in Markus Herz') einen Sekundanten. Seine Schrift Für das Folgende die von Friedl. eingerückte, d. h. wol von ihm verfaßte Darstellung, Verl. Monatsschr. 1787 II S. 317 ff. Sie ist von Kayserling: M- Mendelssohn, 2. Aufl. S. 287 fg. nicht benutzt. 2) Der hebräisch geführte Briefwechsel im „Sammler" II. Jahrg. 2. Quart. 1785, S. 170 fg. 3) Ich schließe dies aus den Worten des A. 1 angeführten Artikels: „Ein junger Gelehrter excerpirte die Gründe aus den Mendelssohn'schen Briefen und das Gubernium ward veranlaßt . . die Schrift dem Landesrabbiner vorzulegen." 4) Vgl. die Notiz bei Grätz, Geschichte XI, S. 164. 5) Besprechung der Dohm'schen Schrift, abgedruckt bei Dohm: Ueber die bürgerl. Verbesserung II, S. 65—67, Dohms Zustimmung S. 66 A. 6) Ueber ihn A. D. B. XIX, 297, wo übrigens die gleich zu erwähnende Schrift, die in den unten mitgetheilten Aktenstücken eine Rolle spielt, nicht angeführt ist. Leider habe auch ich mir die Schrift weder in Berlin noch in Breslau verschaffen können. ') M. H. Ueber die frühe Beerdigung der Juden. An die Herausgeber des hebräischen „Sammlers", Berlin 1787. Der Kürze halber verweise ich für dies und das Folgende auf Allg. d. Bibl. Bd. 87 S. 144 ff., deren Worte ich im Texte z. Th. anführe.