Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Geiger: Vor hundert Jahren. 205 nicht sagen kann, ob es aufgeführt worden ist, das aber gewiß zur Aufführung bestimmt war. Es ist ein Zerrbild der Berliner Gesellschaft, eine jener Tendenzlügen, welche zeigen sollten, daß Jmmoralität notwendig im Gefolge der Aufklärung sei. Die Frau eines Geheimraths hat ein Verhältnis mit ihrem Bedienten, den sie zum Sekretär macht, bestielt, um ihren Aufwand zu bestreiten und ihrer Spielwut zu frohnen, die von ihrem Mann verwaltete Kasse und schreibt falsche Wechsel, da auch die Früchte ihrer Diebereien zur Deckung ihrer Lebensführung nicht ausreichen; ihre Schwester, gleichfalls die Frau eines hohen Beamten, tröstet sich über die zeitweilige Abwesenheit desselben durch den intimen Verkehr mit einem Offizier; dieser wird ihr abspenstig gemacht durch eine öffentliche Dirne, welche von den beiden Frauen „unter den Linden" aufgegriffen, zur Unterhaltung mit nach Hause genommen wird und die nun alle im Stück austretenden Männer in ihr Garn lockt; der Sohn der Geheimräthin liebäugelt mit der Dirne, nachdem er vorher das Dienstmädchen ins Theater geführt und, um ihre Gunst zu erringen, weitreichende Versprechungen gemacht hat. In diesem Wirrwarr erscheint nun auch der Jude Isaak, präsentiert die von der Geheimräthin mit der Unterschrift ihres Mannes versehenen Wechsel und verlangt sein Geld. Die Art, wie er behandelt wird, ist empörend: er erhält kein Geld, die Wechsel werden vor seinen Augen zerrissen, er selbst fortgeschleppt, unter den höhnischen Worten des zum Sekretär avancierten Dieners: „Ha! solltest Du nicht wissen, daß ein vornehmer Christ einen Juden prellen kann"; und man erhält die Andeutung, daß der Justizkommissar, der in das Haus des Geheimrats kommt, um wegen der vorgefallenen Unordnungen den Prozeß einzuleiten, von der vornehmen Frau aber übertölpelt wird, dafür sorgen werde, den Juden ins Gefängniß zu bringen und nicht sobald aus demselben zu entlassen. Während solche Verfälle höchst unbedeutender Art den Chronisten und Dichter für einen Augenblick beschäftigten, gab es Ereignisse von schwerer wiegender Bedeutung, welche auch das Interesse ernster Männer in Anspruch nahmen. Ein solcher Vorfall veranlaßte zwei Schriften ^). Der reiche Moses Jsaac hatte außer dem unter seine Kinder gleichmäßig zu verteilenden Erbe — der Anteil eines Jeden betrug 96000 Thlr. — am 13. Aug. 1774 t) Beytrag zur neusten Jüdischen Geschichte für Christen und Juden gleich wichtig und veranlaßt durch die vor dem Königlichen Kammergerichte zu Berlin erhobene Streitfrage: Bleibt der Jude, der zum Christentum übergeht, bey der jüdischen Religion? Herausgegeben von D. Wilhelm Abr. Teller. Berlin A. Mylius 1788 XIV und 218 SS. — Oluf Gerh. Tychsen's Nachtrag zu des Herrn O. C. R. Teller Beytrag zur neuesten Jüdischen Geschichte über die Streitfrage: Ob der Ausdruck nicht bey der jüdischen Religion bleiben nach jüdischem Sprachgebrauch heiße: die christliche Religion annehmen? Rostock u. Leipz. in der Koppen'schen Buchhandl. 1788. 96 SS. — Der Inhalt beider Schrifteu ist teilweise gleich; beide enthalten die Tychsen'schen Gutachten, deren Veröffentlichung durch Teller durchaus nicht zu rechtfertigen ist. Auf Tychsens Bemerkungen scheint Teller nicht geantwortet zu haben; wenigstens verzeichnet die ihm gewidmete fleißige Zusammenstellung in Meusels Gelehrten Teutschland Bd. VIII keine derartige Schrift. — Einige ganz allgemeine Bemerkungen über die Moses - Jsaak'sche Erbstreitigkeit vgl. in m. Gesch. d. Juden I, S. 114. 14»