Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 20)
- Language
- German
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204 Geiger: Vor hundert Jahren. günstig gesinnt war, ^) nahm in seine Zeitschrift einen von einem Ungenannten eingesendeten Artikel auf^). Der Ungenannte erklärte sich durchaus nicht völlig wider die Juden, er warf Biester nur vor, sich seine Verteidigung zu leicht gemacht, und etwas zu viel mit allgemeinen Redensarten operiert zu haben — ein Vorwurf, der freilich teilweise begründet ist. Wie in der Literatur, so wurden auch auf dem Theater die Juden dem Publikum vorgeführt. Trotzdem Lessing ein ganz anderes Bild des Juden gezeichnet hatte, galt hier noch immer die Gewohnheit, den Juden als Wucherer und Betrüger zu schildern und die Lachlust des Publikums dadurch zu erregen, daß der Jude in grotesker Tracht aufzutreten und bei seinen Reden sich des Mauschelns zu bedienen hatte. Gegen solche Unsitte verfingen satirische Schriften wie die von Markus Herz, als er noch Student in Königsberg war, verfaßten „Frehmüthige Kaffeegespräche zweier jüdischer Zuschauerinnen über den Juden Pinkus" (Berlin 1772)^) nichts; nur die veränderte soziale Stellung der Juden konnte hier Wandel schaffen. Für die Berliner Bühne speziell wurde von großer Bedeutung, daß das Publikum vielfach aus Juden bestand, wie manche der erwähnten Schilderer Berlinischer Zustände klagend hervorhoben, daß daher die selbstverständliche Rücksicht auf die Kasseneinnahme eine gewisse Schonung der Juden bedingte. Ein sehr merkwürdiges Beispiel für diese Schonung ist grade hundert Jahre alt. Es ist der mehrfach ^) abgedruckte von Ramler gedichtete Prolog, welchen Fleck als Shhlock vor der ersten Aufführung des „Kaufmann von Venedig" sprach. In demselben wurde ausdrücklich hervorgehoben, daß das Stück durchaus nicht gewählt worden sei, um Judenhaß zu erregen, sondern daß die Wahl dieses Stückes zu der großen Aufgabe des Theaters gehöre, Unsitten und Laster hervorzuheben und zu strafen. Trotz der sehr anerkennenden Art, in welcher in diesem Prologe von den „Glaubensgenossen des weisen Mendelssohn, Männern gleich groß in Wissenschaften und Künsten" gesprochen wurde, fehlte es nicht an Versuchen, jüdische Karrikaturen in alter Weise auf die Bühne zu bringen. 1790 erschien ein seltsames Stückchen: „Die Berliner Weiber"^), von dem ich ^) Vgl. „Journal für Handlung und Gewerbe". Oktober 1791. Hgg. von 1. C. Siede und I. C. Vollbeding. Berlin, Matzdorfs. S. 28 ff.: „Ueber die Hauptquellen des Ungemachs und Schicksals der Juden": Unthätigkeit, Ueberlisten, gegenseitiger Haß und Neid. 2) a. a. O. S. 175—180: „Etwas über die vom Herrn D. Biester..verfaßte Vorerinnerung, die Juden und ihre Verteidigung betreffend." 3) Die Schrift wird sehr häufig angeführt; Titel und Entstehung gebe ich nach H.'s Nekrolog bei Schlichtegroll, abgedruckt in „Sulamith", Dessau 1811, 3. Jahrg. 2. Band S. 80. Es wäre sehr wünschenswert, wenn ein Leser dieser Zeitschrist ein Exemplar dieser Schrift nachweisen könnte; ich habe sie bisher trotz eifrigen Suchens nicht erlangen können. Vgl. z. B. Brachvogel, Gesch. d. königl. Theater zu Berlin II, S. 160. (Der erste Druck wol in den „Annalen des Theaters" Berlin 1788 H. 1.) — Ueber spätere Theaterstücke, die sich mit Juden beschäftigen, vgl. m. Gesch. d. Juden in Berlin II, 153. 191. S) „Ein originelles Lustspiel in drey Aufzügen." Charlottenburg 1790. 88 SS. (Verl. kgl. Bibl.?5. 372.)