Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 19)
- Language
- German
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Geiger: Vor hundert Iahren. 203 freilich arg, aber es gab gewiß gerechtere und ebenso wirksame Mittel, um denselben zu begegnen. Die Berliner Monatsschrift, das Organ der Berliner Aufklärer — ihre Herausgeber waren Gedike und Biester — spricht nicht so oft von Juden, wie man erwarten sollte. Gern öffnete sie David Friedlaender, mit dem die Herausgeber persönlich bekannt waren, ihre Spalten, der mehrmals Proben rabbinischer Weisheit mitteilte (vgl. 1791, Mai Bd. 17, S. 474 ff., 1791, Aug. Bd. 18, S. 117 ff., ebenso Sal. Maimon 1789, Aug. Bd. 14, S. 171ff.)^). Selbst in diesen Mitteilungen bekundete Friedlaender seine aufklärende Tendenz; einer derselben läßt er das Nachwort folgen: „Ist es möglich, die Achtung für die Vernunft stärker auszudrücken? Kann man dringender, anschaulicher den Satz erhärten, der dem Judentum eigentümlich ist, nämlich: daß Wunder und wunderbare Zeichen kein Beweismittel für oder wider die Wahrheit sind? Ich zweifle." Der praktische Zug, der in Friedlaenders Wirksamkeit besonders stark hervortritt und der auch in dem eben mitgeteilten Satze erkennbar ist, zeigt sich vornehmlich in seinem letzten Beitrag. Auch den Lesern der Berliner Monatsschrift 2) suchte er die für die Emanzipation der Juden in Frankreich wichtigen Aktenstücke vorzulegen und mit Anmerkungen zu begleiten. So veröffentlichte er ^) die Antwort der Lothringer Juden auf die von der Stadt Straßburg 4) der Nationalversammlung vorgelegte Bittschrift, als notwendiges Gegengift gegen dieses in den weitverbreiteten Schlözer'schen „Staatsanzeigen" (60. Heft, S. 439—478) abgedruckte Schriftstück. Hatte er sich mit einer kurzen Einführung begnügt, so ergriff an seiner Statt Biester das Wort, teils, um in sehr heftiger Weise die gegen die Juden gerichteten Anschuldigungen in der „Stimme eines Kosmopoliten" 2) zurückzuweisen, teils um an einzelnen Beispielen zu zeigen, daß die Juden freiwillig den Soldatenstand gewählt und sich „harten und künstlichen" Beschäftigungen gewidmet Habens. Auf Grund dieser Beispiele plaidiert Biester dafür, daß man chriftlicherseits die Juden zu Handwerken zulassen und in ihrem löblichen Streben fördern, nicht aber hindern solle. Diese Ausführungen blieben nicht ohne Widerspruch. Siede, der Leiter einer damaligen Berliner Handelsschule, der auch sonst den Juden nicht sehr ») Benutzt ist Jahrgang 1788—1791; der erste Band d. I. 1790 (Jan. bis Juli) enthält, wie ich aus den Inhaltsverzeichnissen weiß, zwei hierhergehörige Aufsätze, ich habe mir aber diesen Band trotz aller Mühe nicht verschaffen können. 2) Aehnliche Veröffentlichungen Friedl. vgl. oben S. 188. 3) Verl. Monatsschrift 1791, Okt. Bd. 13 S. 365—392, Friedl. Vorbemerkung, S. 351 fg. Biesters Erklärung S. 352-364. 4) Üeber den Beschluß der Straßburger vgl. oben S. 190. A. 5) Ueber diese Schrift vgl. oben S. 196 fg. H Ein Jude in der Kattunbleiche zwischen Berlin und Charlottenburg; mehrere als Knechte und Mägde in I. D. Itzigs Fabrik; andere als Arbeiter beim Chausseebau zwischen Berlin und Potsdam; einer in einer Berliner Tabaksfabrik; ein Berliner Schutzjude läßt einen seiner Söhne die Baukunst, einen andern die Gärtnerei studieren, ein anderer hat unweit Berlin „ein Stück Land gepachtet und baut dasselbe mit eigenen Händen ... er ist als ein vorzüglich guter Landwirt bekannt." Zeitschr. f. d. Gesch. d. Juden i. Deutsch!. III. 14