Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 199 (sequence 15)
- Language
- German
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Geiger: Vor hundert Jahren. 199 zu untergraben. Er will durchaus nicht in Abrede stellen, daß der Jude Soldat sein kann, aber freilich erst, „wenn er politische Moralitat hinlänglich angeerbt" und wenn „er seine jetzige Verfassung und vorgefaßte Meinung" ausgegeben haben wird. In einer Buchhändleranzeige von S. F. Hesse (Voss. Ztg. 3. Apr. 1790) war eine Schrift „Geschichte des Hasses gegen Juden und Judengenossen von I. G. Ehrlich, Pr." angekündigt, über welche der Buchhändler sagt: „Obwohl diese kleine Schrift nur eine Einleitung zu einem größern Werke seyn soll, so ist sie doch für beide bürgerliche Gesellschaften und besonders in diesen Tagen der Feierlichkeiten der Juden sowohl als der Christen interessant und sie wird sicher Aufmerksamkeit erregen und beide Religionspartheyen werden durch Bemerkung der Absicht und des abzweckenden Nutzens, den jüdischen Schulen ein brauchbar klassisches Werk in die Hände zu liefern, den Verfasser sür Ausführung seines Plans unterstützen". Der Mann und die Schrift lohnen, daß man einen Augenblick bei ihnen verweilt. I. G. Ehrlich soll in Berlin als Jude geboren sein; nach dem Tode seines Vaters wurde er Protestant^) und nachdem er eine Hauslehrerstelle bekleidet, Prediger zu Saratavka. Von dieser Stellung wurde er „einiger loser Streiche" wegen abgesetzt (1785), wie ein dem Genannten nicht günstig gesinnter Zeitgenosse-) sagt und lebte, nachdem er eine Zeit lang in St. Petersburg privatisirt hatte, in Berlin. Er schrieb philosophische Betrachtungen, gab in Hamburg eine „Wochenschrift zur Zierde der Menschheit" heraus und veröffentlichte in Berlin fast gleichzeitig mit unserer Schrift „Krumpiepens wohlthätige Reise", eine Schrift, über welche der bereits angeführte Zeitgenosse sagt: „Man muß sich von Erlich einen Schlüssel über diese Schrift ausbitten: so trifft man keinen Sinn darin und verstehet sie nicht. Wie ich höre: ist es die Geschichte eines reisenden Handwerkspurs chen." Das Heftchen (im Ganzen 24 SS.) ist der Vorläufer eines größern Werkes, das freilich niemals erschienen ist. Der Verf., der ein recht seltsames Deutsch schreibt, das entweder durch seinen russischen Aufenthalt verdorben ist oder die traurigen Folgen seiner allgemeinen Unbildung bekundet, will die Fragen beantworten, die mit seinen Worten gegeben werden mögen. 1. „Ob ein Christ das Recht hat, die Juden wegen des ungegründetm Hasses, womit sie belegt werden, zu vertheidigen?" 2. „Kann einem Volke, der wahren Religion zugethan, diese Religion dadurch ge-!) Die biographischen Nachrichten aus Meusel, Das gel. Teutschland, Lemgo 1796 II, S. 167, IX, 282; in dem „Neuesten gel. Berlin" von V. H. Schmidt und D. G. G. Mehring, Berlin 1795, steht er nicht, ein Beweis, daß er damals von Berlin fortgezogen war. Er soll noch 1799 in Hamburg gelebt haben. -) Berlinische Korrespondenz Historisch-Politischen und litterarischen Inhalts. Berlin 1790 S. 55—58. Der unbekannte Verf. verweilt mit Schadenfreude dabei, daß Ehrlichs Name in keinem damals bekannten Verzeichnisse von Theologen und Schöngeistern zu finden sei und characteristrt ihn so: „Er machet einen würdigen Pendant zum rothköpfigten Hrn. Magister Kindleben — (erbärmlichen Andenkens,)" Er gibt ihm Schmeichelei und Heuchelei Schuld, besonders den Mißbrauch des Namens des Geh. R. Oerlichs.