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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1889-01-01 · Heft 2 · p. Seite 198

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1889
Issue
Heft 2
Article
Vor hundert Jahren
Date
1889-01-01
Page
Seite 198 (sequence 14)
Language
German
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198 Geiger: Vor hundert Iahren. Handelt es sich in den angeführten Schriften um eine Beurteilung der Berliner Bevölkerung, so soll in Ch. Fr. Nicolais bekannter „Beschreibung der königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam" ^) eine statistische Darstellung der Juden gegeben werden (Vgl. besonders I, S. 206—208, 248, 349 fg. II, S. 500—504). Aber Nicolai zeigt sich auch hier als das Haupt der Aufklärung. Selbst in diesen scheinbar rein statistischen Notizen kann er sich nicht enthalten, manch gutes Wort für die Unterdrückten zu sprechen, ihre Armenanstalten hervorzuheben und ihren regen Wohlthätigkeitssinn überhaupt zu loben, die ungerechten Beschuldigungen anzudeuten, mit denen man ihnen früher entgegentrat und unter denen man sie unschuldig leiden ließ. Eine Angelegenheit, von welcher schon die Zeitungen Notiz genommen hatten, rief zwei Broschüren hervor. Die von Dohm nämlich angeregte Frage, ob die Juden zum Kriegsdienste tauglich seien, wurde nun, nachdem sie vom Kaiser Joseph praktisch gelöst schien, nach verschiedenen Seiten schriftstellerisch behandelt. Kling versuchte in der Schrift: „Soll der Jude Soldat werden?" 2) darzuthun, daß die Religion den Juden nicht hindere, in jedem Fall ein guter Bürger des Staats zu sein und verflocht in seine Darlegung Seitenhiebe gegen die Rabbiner, welche ihre Glaubensgenossen hindern wollten, ihre Pflichten zu erfüllen; ihm trat ein Ungenannter^) entgegen, der den Schritt des Kaisers unbillig, nachteilig und zwecklos fand. Er wirft drei Fragen auf: 1. Ob der Kaiser eine solche Pflicht von den Juden fordern kann? 2. Ob es für die jüdische Nation in Rücksicht auf ihre vorgefaßten Meinungen und Borurteile nützlich wäre, sie zu dieser Pflicht zu zwingen? 3. Ob daraus eine wirkliche Reform für ihren Zustand und ihre ganze Denkungsart zu erwarten wäre? und beantwortet alle drei Fragen mit: nein. Er billigt daher auch den Protest der galizischen Juden gegen die kaiserliche Verordnung und registriert mit Behagen den Widerstand, der sich auch an anderen Orten zeigt; er hält den Brief der Triester Gemeinde für unbesonnen, weil die Juden als bloße Kolonisten weder das Rech: noch die Pflicht der Landesverteidigung haben. Mit einer merkwürdigen Sophistik sucht der Autor, der übrigens wo er kann gegen die Aufklärer — Juden und Christen — Front macht, den Juden einzureden, daß die Maßregeln, welche scheinbar dahin abzielen, sie den übrigen Staatsbürgern gleichzustellen, in Wirklichkeit von dem Erfolg begleitet sind, ihre Religion und ihre Moral 2 Bände 2. Aufl. Berlin 1779. 2) Ich kenne die Schrift nur aus einem Citat der in A. 3 angeführten Broschüre; die Schrift selbst konnte ich mir nicht verschaffen; Kling wird in keinem der beiden Meusel'schen Lexica angeführt. 2) Bemerkungen über die bürgerliche Verbesserung der Juden, veranlaßt bei der Frage: Soll der Jude Soldat werden? 1788. 88 SS. Das Ganze ist in Briefform. In demselben Miscellanbande der Verl. Königl. Bibl., in welchem dies Schriftchen und die oben S. 188 A. 1 behandelte Aktensammlung zur Geschichte der Juden in Frankreich sich befindet, sind enthalten zwei Hefte, gleichfalls in Briefform: „An die jüdische Nation", das erste Fft. u. Lpz. 1776, das zweite Breslau bei Gottl. Löwe 1777, beides salbungsvolle und wortreiche Ermahnungen an die Juden, die Irrlehren ihres Glaubens zu erkennen. Die Behauptung S. 35 A. e: „In jeder Kaiserstadt, wo Juden wohnen, empören sie sich gegen die kaiserliche Verordnung" ist mindestens übertrieben.

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