Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 4)
- Language
- German
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188 Geiger: Vor hundert Jahren. Die damaligen Berliner und demgemäß auch die Berliner Zeitungen sahen mit gespannter Aufmerksamkeit aus die Ereignisse in Frankreich. Zu den bisher noch nicht geschriebenen, überaus interessanten und wichtigen Kapiteln einer vergleichenden Literaturgeschichte gehört die Betrachtung der Beziehungen der deutschen Litteratur zur französischen Revolution. In diesem Kapitel würde das Verhalten der Zeitungen zu lehrreichen Betrachtungen Veranlassung geben. Auch die Vossische Zeitung ist in dieser Hinsicht nicht unwichtig. Bis znr Erstürmung der Bastille schenkt sie Frankreich so gut wie gar keine Beachtung; der aus Paris datierte, aber wohl in Berlin angefertigte Korrespondenzartikel fehlt nicht selten ganz, nimmt, wenn er überhaupt vorhanden ist, nur wenige Zeilen ein, und steht hinter großen, oft spaltenlangen Berichten über östliche und nördliche Hof- und Militärverhältnisse. Nach jenem bedeutsamen Ereignis, das man als den eigentlichen Beginn der revolutionären Bewegung zu betrachten gewohnt ist, fehlt der Pariser Artikel in der Vossischen Zeitung niemals, er überragt an räumlicher Ausdehnung die übrigen und steht oft genug unmittelbar hinter den amtlichen Anzeigen, welche beständig an der Spitze des Blattes figurieren. In einer dieser Pariser Korrespondenzen nun (Boss. Ztg. vom 10. September 1789) wird am 26. August das von der Pariser Judenschaft an die französische Nationalversammlung überreichte Schreiben zum Abdruck gebracht. Die Juden erachten es in demselben eigentlich für selbstverständlich, daß auch ihnen das Bürgerrecht gegeben worden, da durch den Beschluß der Versammlung „dem Menschen die erste Würde wiedergegeben" sei, bitten aber noch einmal darum, „in den Dekreten der jüdischen Nation besonders zu erwähnen, und so uns den Namen und die Rechte der Bürger zu bestätigen." Sie erklären, daß sie gerade durch Treue gegen ihre Religion dem Staate nützlicher werden könnten als durch Gleichgiltigkeit gegen dieselbe, sie erklären serner, nur das Wohl des Vaterlandes im Auge zu haben, sie verlangen mit den übrigen Franzosen gleiche Rechtspflege und entsagen darum, „dem uns zugestandenen Vorrechte besondere aus unserer Mitte gewählte und von der Regierung ernannte Oberhäupter zu habend). t) Wenige Monate später erschien eine im Inseratenteil der Voss. Ztg. angezeigte Schrift u. d. T. „Sammlung der Schriften an die Nationalversammlung die Juden und ihre bürgerlichen Verhältnisse betreffend. Aus dem Französischen. Berlin 1789. Bei Petit und Schöne". 134 SS. Sie enthält außer der im Text schon erwähnten Adresse der Pariser Juden, Vitt- und Dankschreiben verschiedener französischer Gemeinden an die Nationalversammlung oder einzelne Deputierte, außerdem eiue Denkschrift von Jsaac Beer Bing für die Metzer Juden, einen Vortrag des Grafen von Clermont-Tonnerre über die Verfolgung, welche die Juden im Elsaß bedrohen und die bekannte Vorstellung Gregoires für die Juden. Die Zuthaten des Herausgebers bestehen in einzelnen Zusätzen, die manchmal als „Anmerkungen eines Juden" charakterisirt sind. Der Herausgeber L. B. (Lazarus Bendavid?) dankt für die Mitteilung der Originale und für die Uebersetzung des Schreibens der Pariser einem Manne, „dessen menschenfreundliche Gesinnungen überhaupt und insbesondere dessen einsichtsvoller Eifer für das Beste seiner Nation allgemein anerkannt wird". Diese Worte Bendavids weisen wol auf Friedländer hin. Sicher hat dieser in der Verl. Monatsschrift 1791 Aug. „Antwort der Juden in der Provinz Lothringen, auf die der Nationalversammlung von der sämtlichen Stadtgemeine zu Straßburg über-