Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Beiträge zur Geschichte der Frankfurter Juden im dreißigjährigen Kriege
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 20)
- Language
- German
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im dreißigjährigen Kriege. 149 Als im Jahre 1694 eine Visitation der Judengasse stattfand, womit eine Berufsstatistik verbunden ward, stellte es sich heraus, daß von 415 Haushaltungen nur noch 109 sich vom Geldleih- und Trödelgeschäst ernährten, 106 dagegen vom Verkauf von Schnittwaren, Kleidern, Schnüren, 94 von Spezereien und Viktualien, 14 vom Handel mit Häuten, 5 mit Frucht, Pferden; 9 lebten vom Ausschank von Wein und Bier, 3 hielten Herbergen und 2 Garküchen ^). Wir ersehen daraus, daß der jüdische Warenhandel sich immer mehr ausgedehnt hatte. Die Anfeindungen der christlichen Krämer und Handwerker konnten an den Thatsachen nichts ändern; die Verhältnisse waren mächtiger als sie. Es ging eben nicht an, eine mehrere tausend Köpfe zählende Bevölkerung vom Gebiet des Handels auszuschließen. Immer mehr tritt das Geldleihgeschäft zurück, ein erfreulicher Fortschritt, denn dasselbe hatte mehr noch als religiöser Fanatismus die Kluft zwischen Juden und Christen erweitert. Daß mit dem Sinken des nationalen Wohlstandes durch den langwierigen Krieg auch die Erwerbsquellen der Juden spärlicher flössen, zum Teil gänzlich versiegten, ist augenscheinlich. Die jüdische Gemeinde, sowie die einzelnen Familien gingen immer mehr zurück. Anfangs der Dreißiger konnte erstere die Steuern nicht mehr aufbringen; sie mußte 1633 zu hohen Zinsen eine Anleihe im Betrage von 18000 Gld. bei Christen aufnehmen, die am Ausgang des Krieges noch nicht bezahlt war. 1649 sah sie sich zu einer zweiten Anleihe in der Höhe von 19000 Gld. genötigt. Am traurigsten lagen offenbar die Verhältnisse in den Jahren 1633—1640, in dieser Periode sinkt auch die Bevölkerungszahl am meisten. Von 1634 ab klagen die Rechenherrn öfters beim Rat, daß viele der Juden trotz wiederholter Mahnungen mit dem Schatzungsgeld im Rückstand seien. Dieser bestimmte, daß die Saumseligen entweder binnen acht Tagen die rückständigen Quoten entrichten oder die Stättigkeit verlieren und aus der Stadt abgeschafft werden sollten-). Trotz der Androhung dieser für sie furchtbaren Maßregel — man bedenke wohl, was es in diesen so unruhigen Zeiten für den Juden bedeutete, die sichren Mauern der Stadt zu verlassen und ein unstätes Wanderleben zu führen, eine willkommene Beute für die herumziehenden Truppen und Wegelagerer —, war eine Anzahl derselben nicht in der Lage, ihren Verpflichtungen nachzukommen; sie wurden aus der Stadt verwiesen. Die hohen Steuern konnte die Gemeinde nur mit der größten Anstrengung ausbringen; sie blieb fast jedes Jahr damit, wie wir aus den Rechenmeisterbttchern ersehen, im Rückstand. Ihre materielle Lage in der zweiten Hälfte des Krieges lernen wir aus einer Reihe von Bittschriften an den Kaiser oder den Rat kennen. Sind diese auch mit einer gewissen Vorsicht zu lesen, da sie den Zweck haben, Erlaß von Steuern und sonstigen Abgaben zu erbitten, so dürften die folgenden Schilderungen keine allzu übertriebenen sein^). t) Nach Bücher S. 588 2) Brgm. 1634 Febr. 20, Nov. 20, 1637 Juni 15. s) Besonders lehrreich ist die Tabelle im Abschnitt „Steuern": Die Einkommensteuer der Frankfurter Juden von 1618—1648 nach den Beedebüchern.