Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Karl der Große und Kalonymos aus Lucca
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 3)
- Language
- German
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84 I. Aronius, Karl der Große und Kalonymos aus Lucca. Hier haben wir die villa Mäaiea, den Judenkönig und den Besitz des dritten Theiles der Stadt durch die Juden. Daß die ganze Erzählung nichts Historisches enthält, außer vielleicht einer Erinnerung an den Verrat, den die Gothen bei der Belagerung von Narbonne im Jahre 759 verübt haben sollen/) braucht kaum gesagt zu werden, auch wird sich niemand versucht fühlen, ein Machwerk wie den Philomena als Geschichtsquelle zu behandeln. Eine Angabe besonders verdankt der Philomena anscheinend nur sich selbst, nämlich die, daß das Judenkönigtum schon vor Karl bestanden habe. Eine andere Ueberlieserung, aus die ich sogleich näher eingehen werde, weiß davon nichts, auch der Philomena erwähnt sonst, namentlich bei der Wahl der Gesandtschaft, den Judenkönig nicht mit einer Silbe, führt ihn vielmehr erst später ziemlich ungeschickt ein und sagt schließlich doch selbst, daß Karl erst nach der Eroberung der Stadt den Juden einen König gab. Er hat sich wohl die Entstehung dieses sonderbaren Amtes nicht anders als durch ein ausdrückliches Verlangen der Juden bei einer guten Gelegenheit erklären können. Freilich mußte dieses Verlangen doch auch wieder einen Grund haben, und was war da einfacher, als zu sagen, es ist immer so gewesen, es muß so sein. Daß es dabei nicht ohne Widersprüche abgeht und daß diese Art von Erklärung nichts erklärt, kann einen so gedankenlosen Autor wie den Verfasser des Philomena nicht beunruhigen, er hat es gewiß gar nicht bemerkt. Etwas später, nämlich 1245, verfaßte R. Meir b. Simeon in Narbonne eine Bittschrift an den König, worin dieser aufgefordert wird, den Juden die Privilegien, die ihnen König Karl bei der Eroberung des Landes gewährt habe, zu erhalten. Karl und seine Nachfolger hätten viele Länder mit Hilfe der Juden erobert, die ihre Bundesgenossen gewesen und sie mit Leib und Gut unterstützt hätten. Sie hätten sich geopfert, um die Könige und Prinzen zu retten. Es sei eine bekannte und in vielen Schriften, die die Juden noch besäßen, verzeichnete Thatsache, daß als Karl in dem Kriege gegen die Jsmaeliten Narbonne belagerte, ihm ein Jude das Leben gerettet habe. Das Pferd des Königs wurde getötet und er kam dadurch in Gefahr, gesangen zu .werden. Seine Begleiter, für ihr eigenes Leben besorgt, lassen ihn im Stich, nur ein tapferer Jude sprang vom Pferde und rettete seinen Herrn mit dem eigenen Leben. Nachdem dann Narbonne erobert war, belohnte Karl die Familie des Juden, indem er ihr einen großen Teil der Stadt und der Umgegend schenkte. Eine sehr alte Ueberlieserung, schließt Meir, besage, daß er ihr ein Drittel der Stadt und der Bannmeile gegeben und ihr mit Genehmigung seiner Großen Privilegien gewährt habe.?) Da haben wir wieder die villa Mäaiea, das Drittel der Stadt und den Judenkönig, denn die grundbesitzende Familie in der Stadt ist eben die des Judenkönigs, der zugleich hier ein fremder Ursprung zugeschrieben wird, da ihr Haupt im Heere Karls gewesen sein soll. Aber diese Erzählung ist veri) S. Oelsner: König Pippin S. 340. H Neubauer in revus ä68 etnäes Mves X. x. 98 K. und früher in arekives äes nuLLions seisritiÜHues et litteraires III serie t. I, x. 556 mit kleinen Abweichungen, besonders am Schluß, wo es heißt, daß der Familie der Grundbesitz, die Privilegien dagegen den anderen Juden zu Teil wurden. — S. Ki8t. litt, äe 1a Francs XXVN, x. 558 K