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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 1 · p. Seite 73

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 1
Article
Briefe von und an Gabriel Riesser
Date
1888-01-01
Page
Seite 73 (sequence 27)
Language
German
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Briese von Gabriel Rießer und M. A. Stern. 73 als ein steter, offner Kampf gegen das Christenthum und wo hätten wir eine einzige freie Äußerung hinsichtlich des Judenthums aufzuzeigen, die sich mit jenen Keulenschlägen vergleichen ließe? Wir haben bis jetzt den Ruhm gehabt, daß wir freiwillig für eine Überzeugung, die wir haben, oder für eine andere, die wir uns nicht aufdringen lassen wollen, leiden. Er ist uns entrissen. Es giebt auch unter den Christen jetzt Leute genug, die Amt und Ehre ihrer nicht christlichen Überzeugung opfern, und die nur zu schweigen, nicht einmal zu bekennen hätten. Ich fürchte, es wird noch weiter gehen. Wenn innerhalb des Christenthums die Bewegung so reißend zunimmt, wie seit zwei Jahren, so ist die Kirche verloren.^ Und was thun wir unterdessen, wir schweigen, freuen uns über die Noch der Pietisten und sind feig genug die Hände in den Schoß zu legen, während es unsere höchste Pflicht wäre, auch nun von unserer Seite anzufassen, auch unsere Stimme zu erheben, und den jugendlichen Stürmern zu zeigen, daß wir ein Ziel mit ihnen haben und bereit sind die Gefahren des Kampfes mit ihnen zu theilen. Wenn wir so fort in unserer Trägheit beharren, so wird der Lohn nicht ausbleiben. Die Kämpfer der Geistesfreiheit werden in uns, der regungslosen Masse nicht minder Feindliches sehen wie im orthodoxen Christenthume, man wird mit Fingern auf uns deuten, man wird bald anfangen uns im Namen der Geistesfreiheit zu verfolgen, genau so wie man uns im Namen der Geistesknechtschaft verfolgt hat, wie denn bereits Bruno Bauer in diese Bahn einlenkt. Und müssen diese jugendlichen Kämpfer nicht einen herzlichen Widerwillen gegen uns fassen, wenn sich nicht eine einzige Stimme unter uns gegen das jammervolle Gerede, gegen das Kokettiren mit unserem alten Glauben und seinen Ceremonien erhebt, wie es sich in unseren Organen, wie es sich namentlich in der Zeitung für das Judenthum breit macht, dessen Redaktion — so wie seine Gehülfen — Menschen, die gar keinen Begriff von der Zersetzung der Zeit haben — die Welt glauben machen will, das alte Judenthum sei ein lebendiges, und sogar es wagt in seiner Schalheit die Kämpfe gegen das Christenthum zu verketzern und mit der christlichen Orthodoxie zu liebäugeln? Bielleicht sagst Du tadeln sei leichter als besser machen und fragst, warum ich denn noch nie gesprochen habe? Ich antworte, weil ich, ohne mich hinter die Bescheidenheit zurückzuziehen, die Überzeugung habe, daß eine Stimme nicht im Stande ist, den Todesschlummer zu unterbrechen, in welchem unsere religiösen Zustände seit vielen Jahrhunderten liegen. Darin ist die Lage des Christenthums von der des Judenthums wesentlich unterschieden, indem ersteres seit mehreren Jahrhunderten fortwährend durch Kritik und Philosophie wach erhalten und in immer neue EntWickelungen gedrängt worden ist, während das Judenthum, wenn wir dem Pabste „den gedeckten Tisch" substituiren, genau da steht, wo Luther das Christenthum fand und die römisch-katholische Kirche noch steht. Hier kann nur eine Vereinigung helfen. Außerdem kann es nicht Sache des Dilettantismus sein, auf die Dauer einen Kampf zu führen, der, wenn er einmal ins Detail der EntWickelung tritt, auch specielle Kenntnisse, theologische und philosophische voraussetzt, die sich im Allgemeinen gesprochen, doch nur bei solchen vorfinden werden, die ein besonderes Studium daran gesetzt

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