Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. auf das orthodoxe Judenthum zurück. Zugegeben, daß Talmud und Messias in demselben controvers sind, so mögen diejenigen Orthodoxen, die unsere Ansicht theilen, auch ihr öffentlich beitreten, das wäre nickt mehr als ihre Pflicht. Wir erklären ja nicht, daß diese Artikel die Grenzscheide zwischen unserem und dem orthodoxen Judenthum bilden sollen, wir erklären, was die reine Wahrheit ist, daß wir weder Autorität des Talmud noch einen persönlichen Messias anerkennen; wenn die Orthodoxie darüber mit uns einverstanden ist, desto besser. Den Vorwurf, daß wir in der Unwahrheit sind, weil wir nicht der Staatsregierung entgegen zu treten wagen, gebe ich zu, wie Du mir zugiebst, daß wir alsdann in Gesellschaft von mehr als 30 Millionen lügen. Ich selbst würde ungescheut diesen Kampf mitmachen und mich sogar darauf freuen. Aber ich würde, wenn ich freie Wahl hätte, nicht damit anfangen, daß ich den Regierungen die Bibel an den Kopf schmisse. Ich würde zuerst gegen die Beschneidung meiner Bücher und dann erst gegen die meiner Kinder protestiren. Darin sind wir grundwesentlich verschieden, daß Du in der Reform ein Bestreben nach größerer Freiheit dem Staate gegenüber siehst, während sie mir ein größerer Fortschritt des Judenthums ist, und daraus erklärt sich auch wohl ganz klar, wie es kommt, daß wir den beabsichtigten Schritt so verschieden beurtheilen. Was nun Dein Bedenken betrifft, daß unseren Reformbestrebungen kein Analoges innerhalb des Christenthums entspricht, so hätte ich mich noch vor zehn oder fünf Jahren damit zu begnügen brauchen die Antwort zu geben: was geht mich das Christenthum an? die übrigens durchaus richtig ist. Ich hätte noch manches andere sagen können. Aver ich werde kürzer abkommen, wenn ich mich sogleich auf den neuesten Standpunkt stelle. Ich kann Deine Prämisse nicht zugeben, und muß vielmehr sagen, daß gerade die Bewegungen, die ich im Christenthum sehe, mich am meisten anstacheln gerade jetzt auch aus jüdischem Boden eine resormatorische Bewegung dringend zu wünschen und zu fordern. Ich kann nicht umhin aus Deinen Worten zu schließen, daß Dir diese Bewegungen unbekannt geblieben sind. Ich vermuthe, daß Du bei der Äußerung „daß das orthodoxe Christenthum seinen Gegnern derart zu imponiren weiß, daß sie sich immer auf die eine oder die andere Weise mit ihm zu verhalten suchen" besonders an den Aufsatz von Strauß über das Bleibende und Vergängliche im Christenthnm, gedacht hast, der allerdings ein Fehltritt war. Aber ich muß zugleich annehmen, daß die neue Phase der philosophischen Kämpfe gegen den Kirchenglauben Dir verborgen geblieben ist, weil ich gewohnt bin, daß Du immer genau sprichst, und mir sonst nicht erklären könnte, wie Du zu der Behauptung kommst, daß selbst die aufgeklärten Christen vor Allem, was einer förmlichen Lossagung ähnlich ist, eine gewaltige Scheu haben. Davor scheut sich ja die Schule, die man gewöhnlich die junghegelsche nennt, so wenig, daß sie es vielmehr fortwährend thut. Rüge hat mit den dürrsten Worten erklärt, daß er kein Christ ist, dasselbe hat Neuwerk gethan, auf andere Weise Feuerbach, als Dichter v. Sallet und Herwegh, der ja in seinem Brief an den König v. Pr. von der neuen Religion spricht; was ist denn der Inhalt der Deutschen Jahrbücher anderes