Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. haben. Also wir müssen reformatorische Theologen haben, diese werden sich dann, aber auch nur dann finden, wenn sie sich auf Gemeinden stützen können und solche Gemeinden können ja nur aus einem Vereine hervorgehen. — Wenn Du zuletzt noch eine Seelenadelsprobe von den einzelnen sich anschließenden verlangst, so mochte ich das, ehrlich gesagt, eher eine Chikane als eine Bedenklichkeit nennen. Du bist ein zu guter Geschichtskenner, als daß ich Dir des Breiteren auseinander setzen sollte, daß in der ganzen Weltgeschichte keine Idee, wenn sie in die Masse übertrat, sich rein erhielt, sondern immer mit höchst unreinen Elementen gemengt wurde, die ihr gar häufig den Rang abliefen, aber nichtsdestoweniger zur Durchsetzung der Idee mitwirken mußten. Wer da warten will bis er lauter Engel zu Mitarbeitern findet, wird den Schauplatz seiner Thätigkeit in den Himmel versetzen müssen. Ich unterschreibe jedes Wort Deiner Schilderung eines Theils unserer Radikalreformer, ich könnte vielleicht einige noch schwärzere Farben hineinreiben; aber das Resultat würde am Ende immer nur das sein, daß wir unter keinen Umständen mit Anderen zusammenwirken können, ohne auch Egoisten und Lumpen dazwischen zu zählen. Waren es etwa lauter Marquis von Posa, die die belgische Unabhängigkeit gegen Spanien erfochten? oder haben die Fürsten um Gottes Willen den Protestantismus unterstützt, oder haben nur ehrliche Schüler Rousseaus die Schlachten der französischen Republik geschlagen? Das sind Grillen, lieber Rießer, retten wir was zu retten ist; was den unreinen Gesinnungen geopfert werden muß, wird schon zu einer anderen Zeit wiederauferstehen. Dafür bürgt uns die ewige Entwicklung der Geschichte. Auf Deine weiteren praktischen Fragen weiß ich keine andere Antwort zu geben, als daß ich sie weder mir noch Anderen zu stellen, für n'öthig erachtet habe. Ich bin der Meinung, wenn die Idee ausgesprochen ist, so mag die Praxis zusehen, wie sie sich damit in Einklang setzt. Wahrscheinlich würde Luther nicht energischer gehandelt haben, wenn er sich gleich von Anfang die Frage vorgelegt hätte, wie es mit den Kirchengütern und Ähnlichem werden sollte. Ungern lasse ich mich auf die Tempelfrage ein, ich habe mich darüber bereits offen gegen Dich ausgesprochen. Ich bin noch heute wie damals der Meinung, daß der Tempelverein durch die plan- und gedankenlose Verstümmelung des alten Gebetbuchs eine große Schuld auf sich geladen hat, ich ärgere mich noch heute wie damals darüber, daß Du dabei warst, als man vor den Thüren einiger Theologen um ein Gutachten über die Übereinstimmung dieses Machwerks, mit den Ansichten des Talmuds bettelte, und kann noch heute so wenig wie damals und seit Empfang Deines Briefes noch weniger begreifen, wie Du, aus freier Wahl Direktor eines Vereins sein kannst, in dessen Ritual, nach wie vor, Auferstehung der Todten, Opfer in Jerusalem, himmlisches Gericht am Neujahrstage u. s. w. ihr Wesen treiben. Doch brechen wir davon ab, um so eher, da ich Deine Schrift erwarte. Ich habe nun Alles gesagt, was ich in der Eile zu sagen wußte. Das neue Jahr mahnt mich an meine Berufsarbeiten. Ich sehe eine Menge Möglichkeiten vor mir. Entweder, und das sollte mir das Er-