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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 1 · p. Seite 71

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 1
Article
Briefe von und an Gabriel Riesser
Date
1888-01-01
Page
Seite 71 (sequence 25)
Language
German
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Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. 71 Mensch sich darum kümmern wird, ob ich meine Kinder beschneiden lasse oder nicht, wenn nicht etwa der Rabbiner Lärm schlägt und erklärt, daß ein Unbeschnittener kein Jude ist. Was soll denn aber die Regierung thun, die für jetzt bei Juden wie Christen noch bei dem Princip steht, daß man irgend einer Religionsgenossenschaft angehören müsse? Und wie kann der Rabbiner, der den orthodoxen Standpunkt behalten muß, eine andere Erklärung abgeben? Was nun die Ablehnung des Messiasglaubens betrifft, die Du ebenfalls als Bagatelle behandelst, so halte ich sie nicht blos für eine Nothwendigkeit des Fortschrittes, sondern sogar für eine Ehrensache, ich betrachte sie als eine Ehrenerklärung, die wir uns und unseren christlichen Mitbürgern schuldig sind. So erblicke ich denn nach wie vor auch in diesem schwächeren Reformversuch einen Keim bedeutender, zukünftiger Entfaltung, zu der er aber, weil er sehr unvollkommen ist, sehr bald gedrängt werden wird, und stehe nicht an zu behaupten, daß er der erste Fortschritt sein wird, der seit Mendelssohn im Judenthume geschehen ist. Freilich wäre es mir lieber, wenn sogleich mehr geschähe. Aber auch Luther fing klein an. Die meisten Deiner Einwürfe treffen die Erklärung schon aus dem Grunde nicht, weil sie gar nicht ausdrücken soll, daß alle Unterzeichner nur diese Punkte im Judenthum negiren, sondern vielmehr, daß alle diese Punkte sicher negiren. Wenn ich irgendwo in meinem Brief gesagt haben sollte, daß diese Erklärung unsere volle religiöse Überzeugung ausdrücken soll, dessen ich mich freilich nicht erinnere, so wäre das eine mir selbst unbegreifliche Übereilung oder Ungeschicklichkeit im Ausdrucke, die ich zurücknehmen müßte. Ob zu dieser Erklärung Much gehört oder nicht, kann uns durchaus gleichgültig sein, desto schlimmer, wenn kein Much dazu gehörte und sie dennoch bis jetzt unterblieb. Sollte aber die von Dir vermuthete intimere Verbindung zwischen Orthodoxie und Staatsgewalt wirklich vorhanden sein, nun so würde ja allerdings viel Much dazu gehören, ihr entgegen zu treten. Daß nun Talmud und Messias zwei Schlagwörter des Judenhasses sind, ist freilich auch mir von Anfang an sehr fatal gewesen; indessen das läßt sich nicht ändern. Was können wir dazu, daß der Judenhaß, der überall herumtappte, sich zwei schwache Stellen wohl gemerkt hat? Und was könnten wir überhaupt unternehmen, sei es das Kleinste und Harmloseste, woraus dieser Nimmersatt nicht neue Nahrung saugen würde? Und würde dieses Bedenken nicht noch in höherem Grade gelten, wenn wir auch die Beschneidung und Speiseverbote ablehnten, welche ja die Grundpfeiler der Paulinischen Nationalabsonderung bilden? würden wir nicht dann, da sich entschieden viel weniger Juden anschließen würden, in viel höherem Grade den Vorwurf uns zuziehen, daß wir diese, vielleicht eine überwiegende Majorität, den rationalistischen Judenfeinden gegenüber blosstellen? Ich kümmere mich um das Gerede dieser Herren so wenig, als um das Gerede des Pöbels oder der Gedankenlosigkeit überhaupt. Hemmen kann es nur den Fortgang der Emancipation, und da ich diese, der Idee nach, geborgen weiß, so bin ich durchaus ruhig. Aber den religiösen Fortschritt wird das Gebell nie aufhalten können, sobald wir den kleinen Much haben uns nicht darum zu kümmern. Ich komme hier nochmals

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