Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern, auch diesem Vorschlag willig an, weil ich auch in ihm, wenn gleich in schwächerem Grade, einen Durchbruch zur Gedankenfreiheit sehe. So wie ich mich keinem, in irgend einer Weise dem alten Judenthum entgegentretenden Vereine anschließen werde, der weniger als die Negirung des Talmuds will, weil mir dies ein purer Widerspruch zu sein scheint, so werde ich mich sicher jedem anschließen, der etwa auch nichts weiter als dessen Jncompetenz erklärte. Nicht weil ich darin einen Ausdruck meiner religiösen Gesinnungen finden werde, den suche und finde ich in keinem Vereine, sondern weil Aufhebung der traditionellen Autorität einer der unerläßlichsten Hebel zum Emporwinden des gesunkenen, religiösen Bewußtseins der Juden ist. Ich weiß nicht, was Du bei Geiger über den Talmud gefunden hast; aber ich weiß, daß der Talmud die mündliche Lehre (wie z. B. das Gebot des Schächtens der Thiere) zu enthalten sich das Ansehen giebt. Wo gesagt wird, der Talmud sei keine Autorität, kann damit nur gesagt werden, daß er nicht in seiner Totalität eine solche ist, keineswegs aber, daß er überhaupt und in keinem Stück eine solche wäre. Doch das führt mich zu weit ab. Ich weiß, daß der Talmud zum bei weitem größten Theil aus den Geburten eines verrückt gewordenen Scharfsinns besteht, daß er alles ästhetische Gefühl bei uns geknickt hat, daß er das Studium der griechischen Philosophie ausdrücklich verboten und später alle Versuche das Judenthum zu vergeistigen, zu Schanden gemacht hat. Ich weiß, daß er allen Sinn für Kritik ert'ödtet und das orthodoxe Judenthum zu einer Gallert gemacht hat, die immer wieder zusammenlief, so viel sie auch Männer wie Aben Esra mit der Schärfe des Verstandes durchschneiden mochten. Von dieser Knechtschaft müssen wir uns vor allen Dingen befreien. Damit ist aber zugleich der Weg ins Innere der Bibel gebahnt; denn sobald die Tradition fällt, beginnt die freie Interpretation, da die Bibel nur auf die eine oder die andere Weise verständlich ist. Damit nun aber die Reform nicht in einen stumpfsinnigen Bibelglauben ausarte, damit sie sich nicht in die Sackgasse verirre, aus welcher der orthodoxe Protestantismus vergebens herauszukommen sucht, haben wir die Erklärung hinzugefügt, daß wir unseren ererbten Glauben einer sortdauernden Entwickelung fähig halten, wodurch wir uns den Weg zu den letzten und höchsten Resultaten der Philosophie offen gehalten haben. Du hältst diese Erklärung für Nichts, Du willst Thaten, nicht Worte. Ich denke anders darüber. Mir ist ein kräftig ausgesprochener konsequent festgehaltener Gedanke eine mächtige That. Worin hätte die Wirksamkeit des Stifters der christlichen Religion bestanden, wenn nicht in dem Ausspruch von Gedanken, und um ein neueres Beispiel zu wählen, was hat Rousseau anderes gethan als daß er Gedanken aussprach, und wie haben sie gewirkt? Und noch eins: Die Refutation des Talmud ist zugleich nöthig, um uns von der Autorität der Rabbinen zu befreien, denen, wie mir scheint, gar vieles zur Last fällt, was man gewöhnlich den Staatsregierungen aufbürdet. Du sprichst z. B. von Chaliza, von Beschneidung. Ich bin überzeugt, daß keine Regierung etwas gegen die Wiederverheirathung einer nicht vom Schwager losgesprochenen Frau hat, sobald sich nur ein Rabbiner findet, der sie traut. Ich bin überzeugt, daß z. B. hier im Lande kein