Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. 69 Judenthum eindringen könne. Das ist die Seele der Reformbestrebungen, zu der sich alle übrigen Gründe nur wie die körperliche Hülle verhalten. Ich will uns den gesundesten und edelsten Theil unserer Stammgenossen erhalten wissen, ich will nicht, daß das Christenthum ihn aufsaugt, um ihn gelegentlich gegen den ärmeren, unglücklichen, übrigbleibenden Haufen zu verwenden, der durch unsere Schuld verdumpft und verschrumpft. Der Endpunkt der Reform ist mir klar, es ist die Vernichtung des positiven Offenbarungsglaubens, weniger klar ist mir der Ausgangspunkt, wenn er nicht ganz allgemein so ausgedrückt wird, daß gegen die Orthodoxie angekämpft werden müsse. Aber auf welche Weise? Hier giebt es zwei Gesichtspunkte. Wäre es möglich alle Juden in die Bewegung hineinzuziehen, etwa durch längeres Zuwarten, so würde das gewiß das Wünschenswertheste sein. Aber die Erfahrung hat das Gegentheil gelehrt. Es giebt einen Bodensatz unter uns, der durch kein Umschütteln in Bewegung zu setzen ist, gegen diesen halte ich mich aller Pietätspflicht entbunden, ich gebe ihn auf wie ein unverbesserliches Glied einer Familie. Ich darf hoffen, daß er später zum Besseren zurückkehrt, ist das nicht, so muß er in seiner geistigen Verdumpfung ersticken; aber ich darf ihm keineswegs das Heil der übrigen Familie opfern, wobei er Nichts gewinnen, diese Alles verlieren würde. In so fern mithin die Reform sich jedenfalls nur auf einen Theil der Juden erstrecken kann, lassen sich zwei Wege einschlagen, und ich wage nicht zu entscheiden, welches der richtigere ist. Von der einen Seite kann man die Negation des Bestehenden gleich so weit fassen, daß sich voraussichtlich nur ein kleiner Theil der Juden im ersten Moment anschließen wird; aber man kann sich hierüber mit dem Gedanken trösten, daß man hierdurch an Intensität reichlich gewinnt, was man an Extension verliert. Das war der Gedanke, von dem wir bei unserer ersten Erklärung ausgingen. Wir wußten sehr wohl, daß wir, indem wir uns selbst an die Bibel wagten, das ganze Meutegebell christlicher und jüdischer Staats- und Glaubenspfaffen uns auf den Hals ziehen würden; aber wir hofften, daß die Reform in diesem Kampf um so mehr erstarken würde. Wir hielten es für Pflicht uns dem Theile der Christen zu nähern, die auch auf ihrem Gebiet den Kampf gegen den biblischen Glaubenszwang begonnen und bereits sehr weit durchgeführt haben. Andere dagegen theilten unsere Hoffnungen nicht, ihre Bedenklichkeiten haben einige von uns bekehrt oder schwankend gemacht, ich selbst gehöre nicht dazu. Sie meinten, die Anzahl der Juden, die sich einem solchen Beginnen anschließen würde, würde so klein sein, daß das Ganze nicht wie eine jüdische Reform, sondern nur wie der Ausdruck der Gesinnung vereinzelter Individuen erscheinen und daher der beabsichtigte Zweck gar nicht erreicht werden würde. Sie glaubten das Widerstreben der Regierungen würde so stark, der Schaden, den man der Emancipationssrage zufügte, so bedeutend sein, daß das Unternehmen nicht gelingen und nur zum Unheil führen könnte. In der Gesinnung mit uns einverstanden, riethen sie die Ausführung erst allmählich in der Zeit reifen zu lassen, und vorläufig nur das zu negiren, worüber man auch in weiteren Kreisen einig sei und worin man von außen weniger Einsprache zu erwarten haben würde. Ich schloß mich, der Majorität gehorchend,