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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 1 · p. Seite 68

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 1
Article
Briefe von und an Gabriel Riesser
Date
1888-01-01
Page
Seite 68 (sequence 22)
Language
German
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68 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. andere sich auf das Sittliche, die Reform, bezieht. Die Emancipationsfrage hat sich, der Natur der Verhältnisse nach, zuerst vorgedrängt, sie ist, soweit sie dem Gebiete des Gedankens angehört, vollkommen erledigt. Der Feldzug gegen die Gegner unserer bürgerlichen Freiheit ist strategisch vollkommen beendigt, und Du siehst den genialsten Heerführer täglich im Spiegel. Was noch zu thun ist gehört der Taktik an, das muß einzeln und nach Umständen geschehen. Es geht den Judenfeinden wie den Russen, von denen Friedrich d. Gr. sagte, daß man sie nicht blos todtschlagen, sondern auch umwerfen müsse. So lange das Unrecht unserer bürgerlichen Zurücksetzung, so lange die UnHaltbarkeit der judenfeindlichen Raisonnements noch nicht gehörig zergliedert, noch nicht genugsam in den Köpfen aller ehrlichen Denker befestigt war, mußte man Anstand nehmen, in unserer Mitte Bewegungen hervorzurufen, die zu Spaltungen und zu einer unvermeidlichen Zersplitterung der Kräfte führen mußten, die wir vereint nach außen zu verwenden hatten. Dies ist jetzt anders. Es kann sein, daß hie und da die Reform momentan der Emancipation Abbruch thut, es kann sein, daß sie momentan eine neue Waffe in den Händen der Judenfeinde wird. Aber eben weil dies nur momentane Erscheinungen sind, kümmern sie mich wenig. Der Gedanke der Emancipation ist für alle Zeiten gewonnen, man kann ihn ruhig den Wellen der Weltgeschichte anvertrauen, die ihn in den sicheren Hasen bringen werden. Er wird in Erfüllung gehen so sicher wie der Kampf um Freiheit und Recht in Europa zu einem glücklichen Ende gebracht werden wird. Darum ist mir gar nicht bange; aber bange ist mir, daß das Judenthum ein klägliches Ende nimmt, wenn wir, wie bisher, dem Verfall seiner religiösen Zustände zusehen. Ich fürchte, daß der Theil des Volkes, welchem die Intelligenz und die Kraft fehlt, selbstständig fortzuschreiten, sich aus Verzweiflung wieder an den abgestorbenen, alten Glauben anklammern, die Leiche des positiven Judenthums, für deren Ausschmückung durch Reden, Confirmationen, Choralgesang möglichst philosophische Deutungen, und wie die Maskeraden sonst heißen, unsere Theologen bereits alledhalben bemüht sino, für ein Lebendiges halten, und so auf Jahrhunderte wieder von den religiösen Fortschritten abkommen wird, die im christlichen Europa sich unaufhaltsam entwickeln. Ich fürchte, daß der intelligentere Theil, der bis jetzt durch den geistigen und sittlichen Werth, den der Emancipationskampf hatte, ein lebhaftes Interesse am Judenthum nahm, nun, nachdem aus dem Gebiete des Gedankens für diese Frage nichts mehr zu thun ist, in einer nicht geringeren Verzweiflung, im Ekel an abgestorbenen drückenden Formen, den Lockungen des Christenthums auf die Dauer nicht wird wiederstehen können, des Christenthums, das dem Gewissen einen so weiten Spielraum läßt und zu dem die Indifferenz christlicher Priester den Übergang so leicht gemacht hat, daß man in dem Bahnhofe des Judenthums ein- und in dem geräumigeren des Christenthums aussteigt, ohne nur zu merken, daß man seinen Ort verändert hat. Ich halte es für unsere Pflicht hier einzuschreiten, ich halte es für Pflicht in den alten Schutt eine möglichst breite und hohe Bresche zu schießen, durch welche die gesunde Luft geistiger Frische, wie sie seit Spinoza in immer weiteren Kreisen durch das Christenthum zieht, endlich auch in das

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