Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. 67 Wirtschaft an der Wurzel angreift, ich würde in ihr vielmehr nur ein neugemaltes Schild dieser Wirtschaft sehen. Wahrheit in diesem Sinne würde ich nur in einer Erklärung finden, deren erster Artikel den Gedanken enthielte, daß uns jeder Glaube an eine äußere Offenbarung fremd ist. So lange eine selche Erklärung nicht gegeben werden soll und gegeben werden kann, bleibt der wahre Urgrund unserer Gesinnung verborgen. So lange wir den Schein behalten, als ob wir uns auf dem Boden des Offenbarungsglaubens befänden, kann das Mehr oder Weniger des zu Negirenden nicht, wie Du thust, mit Tag und Nacht, sondern, wenn einmal ein Lichtbild gebraucht werden soll, wohl besser mit Gas- und Talglicht verglichen werden. Dem reinen Tageslichte entspricht nur die reine Wahrheit. Aber ich glaube auch gar nicht, daß es die Sache eines Vereins ist, die volle religiöse Gesinnung seiner einzelnen Mitglieder auszusprechen, dazu in unserer Zeit, wo diese Gesinnung so sehr bei Einzelnen auseinandergeht und kaum ein Einzelner mit sich im Klaren ist. Mir gilt es als Wahrheit, wenn ein Verein eine Anzahl bis jetzt als heilig verehrter Artikel für unwahr erklärt, wenn er sich dagegen wehrt, eine lästige von den Vorfahren hinterlassen? Erbschaft anzutreten. Ist diese Wahrheit auch keine volle, ist sie immer eine positive, beziehe sie sich nun aus ein geringeres oder größeres Quantum aufgedrungener Glaubenssätze. Ich muß aus einigen Deiner Äußerungen schließen, als ob Du überhaupt in der Reform etwas ganz Anderes, wenigstens in dem Hauptgrunde ihrer Notwendigkeit, suchtest als ich. Ich will daher versuchen, meine Ansichten darüber so deutlich als möglich auseinander zu legen. Auch glaube ich damit die Ansicht manches Anderen meiner s. g. Reformgenessen auszusprechen. Wenn ich frage, was mich verpflichtet, für das Judenthum und dessen Verbesserung zu wirken, so muß ich mir sagen, daß dies keineswegs in einer religiösen Sinnesverwandtschaft mit der großen Menge seiner Bekenner liegt, da ich sicher und seit langer Zeit eben so entfernt von ihm bin als vom Christenthum. Ich kann nicht einmal, wie Du und Andere, sagen, daß ich durch den Glauben an einen reinen Monotheismus mit demselben zusammenhänge. Was mich an das Judenthum fesselt, was mir seine Bekenner näher stellt als Andere, ist das reine Pflichtgefühl der Pietät. Wie an die Mutter, wie an die Familie, wie an das Vaterland bin ich an die Religionspartei gewiesen, in der ich geboren, in deren Lehren ich erzogen bin. Solche Gefühle soll man nicht mit dem anatomischen Messer zerlegen, man soll ihren tiefen Gründen nicht nachgraben, man wird dabei nicht besser. Auf dem Standpunkt der reinen Vernunft, wie man sie zu nennen Pflegt, würde es schwer sein, den berühmten Monolog Franz Moors zu widerlegen. Ick) frage mich nicht, warum würde ich mich meiner Mutter opfern? Warum würde ich für das Vaterland sterben? ich frage mich eben so wenig: warum widme ich meine Kräfte den Juden? Die tausend zarten Fäden aus denen ein Pietätsverhältniß gewoben ist, sind zu fein, um unter dem Mikroskope der Kritik sichtbar zu werden. Es ist meine Pflicht die Interessen der Juden zu wahren; das ist mir Grundsatz. Diese Interessen spalten sich in zwei große Hälften, deren eine das Politische, die Emancipationsfrage umfaßt, während die 5*