Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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ff 66 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. in einem ganz anderen Tone sprechen hörte. Du sprichst dort von den Tempelvorsällen, erwähnst, daß einer unserer gemeinschaftlichen Freunde sich für ein Schisma erkläre und fährst fort: „Diese Trennung ist der Punkt, „in dem wir uns alle vereinigen (I) Aber was ist denn hier im Wege, „als eben der politische Druck u. s. w. Das zeigt sich so deutlich hier in „Hamburg, wo alle Elemente zu einem Schisma da wären, wo äußerliche „Hemmungen nur im Wege sind, und der bürgerliche Muth, die Energie „des Charakters sie zu überwinden, fehlt! Wie es aber mit dem Bibel- Glauben als Princip der schismatischen Partei werden soll, ist schwer zu sagen." Bemerke wohl, ist schwer zu sagen, das gebe ich zu, ist aber doch kein so moralisches Ungeheuer, als es Dir jetzt erscheint. Ich hielt diese Äußerung für eine vorübergehende Aufwallung, ich wußte Dich zu fest in Deiner Abneigung gegen Schisma und war daher zum zweiten Mal erstaunt, als ich Deinen letzten Brief erhielt. Damit war aber auch der Schlüssel zu Deiner Sinnesänderung gefunden. Du warst früher mit der Orthodoxie nie in Collision gerathen, im Gegentheil, Du wußtest, daß viele ihrer Anhänger Deine Bestrebungen dankbar anerkannten. Du warst gutmüthig genug zu glauben, daß sie gegen die Weiterstrebenden dieselbe Rücksicht beobachten würde, wie diese gegen sie. Nun ist sie Dir bei dem Hamburger Tempelstreit als ein grober Geselle ins Haus gerückt, sie hat mit Mißachtung alles dessen, was man bisher für sie gethan und gelitten. Dich und Deine Tempelgenossen verklagt und verdächtigt, und da sind Dir die Augen aufgegangen. Du hast eingesehen, daß eine fernere Verbindung mit der Orthodoxie sie nicht klüger machen kann und seit dieser Zeit denkst Du an Trennung. Kurz, und darin sind wir einig, es soll etwas geschehen, um aus dem bisherigen Zustand herauszukommen; aber über das was geschehen muß, sind wir nicht so ganz einig. Ich komme hier nun auf den eigentlichen Inhalt Deines Brieses. Ich habe Dir erzählt, daß wir ursprünglich die Absicht hatten, einen Sprung zu machen, den eine bedächtige Majorität in einen Schritt verwandelt hat. Den Sprung willst Du mitmachen, den Schritt hältst Du für einen falschen, verderblichen. Ich kann Deine Ansicht nicht theilen, und glaube um so unbefangener sprechen zu können, da ich bis zuletzt an unserem ursprünglichen Entwürfe festgehalten habe. Ich gestehe Dir gern, daß ich trotz einer wiederholten aufmerksamen Durchlesung Deines Brieses nicht zu behaupten wage, daß ich Dich ganz verstanden habe und bitte Dich daher in dem Folgenden, weniger eine Widerlegung Deiner Ansichten, als eine Darlegung der meinigen zu sehen. Ich kann durchaus die Grenzscheide nicht finden, die Du zwischen dem Reich der Wahrheit und dem der Lüge ziehst. Wenn unter Wahrheit eine offene unverhohlene Darlegung unserer religiösen Gesinnung verstanden werden soll, so kann ich auch eine Erklärung, die sich darauf beschränkt, eine Reihe von biblischen Vorschriften als nicht mehr bindend zu bezeichnen, nicht als eine solche ansehen, ich kann ihr in diesem Falle unmöglich die von Dir beliebten Attribute einer freien offenen Reform zugestehen, ich würde sie vielmehr für eine nur dem Grade nach von der mehr beschränkten Erklärung verschiedene Lüge erklären müssen. Ich würde weit entfernt davon sein zu behaupten, daß sie die religiöse Lügen-