Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2259275-2259334-2259336-2263563--0525-2263647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. 65 bei dem Einzelnen als ein bloßes Negiren einer bestehenden Glaubensform erscheinen, zu einem neuen Glaubensbekenntnisse zu erheben, und ihnen so, den Machthabern gegenüber, Berücksichtigung zu verschaffen. Mit Preußen wäre ich fertig, wo soll ich mich noch hinwenden? In Würtemberg ist Alles beim Alten, in Baden desgleichen — orthodox ist man da gewiß nicht — in Hessen ist man auch nicht bigotter als man zu Hassenpflugs Zeiten war, also Baiern. Allerdings Baiern ist der jüdischen Orthodoxie sehr dienstwillig; aber ist es ihr dienstwilliger als vor sechs Jahren? Man hat den Rabbiner Lövy damals geplagt, man plagt ihn noch jetzt, ich sehe nicht, daß das Princip sich geändert oder nur, daß es schärfer hervorgetreten wäre. Überhaupt herrscht in Baiern ein so abnormer Zustand, der Christen und Juden gleichmäßig trifft, daß die Vorgänge dieses Staats nicht geeignet sein können ein Gewicht in die Wagschale zu legen. Doch ich will mit mir handeln lassen, ich will mir einreden lassen, die Aktien der Orthodoxie wären mit Rücksicht auf Baiern um gestiegen, das ist Alles was ich thun kann. Aber um -/t"/«, ändert Gabriel Rießer seine Grundsätze nicht, das schwatzt mir kein Mensch in der Welt ein und wenn er auch Gabriel Rießer hieße. Nein, lieber Freund, nicht die Umstände sondern Deine Ansichten haben sich geändert. Es geht Dir wie allen Menschen, wir glauben Alle, daß sich Alles um uns verändert und nur wir allein feststehen bleiben. Der Copernikus, der uns diesen Wahn benimmt, soll noch geboren werden. Als ich ungefähr vor sechs Jahren, unmittelbar nach unserer intimern Bekanntschaft, Dir den Vorschlag mit- Lheilte, eine Association zu stiften, deren Mitglieder sich verpflichteten, ihre Kinder nicht beschneiden zu lassen, warst Du entschieden dagegen, weil es ein Eingriff in die individuelle Freiheit sei. Als ich später im Herbste des Jahres 1839 bei unserem abermaligen Zusammensein wiederholt die Nothwendigkeit eines reformatorischen Vereins hervorhob, wolltest Du aus demselben Grunde auch von einem solchen nichts hören. Vergebens machte ich geltend, was Du jetzt mit anderen Worten auch sagst, daß die Freiheit nur da individuell sein kann, wo auch ihr Gegensatz individuell ist, daß dagegen, wo die Unfreiheit eine geschlossene Phalanx bildet, auch die Freiheit der Individuen nur in deren Zusammenhalten gesichert werden kann. Wegen alles dieses, muß ich an Dein Gedächtmß appelliren. In derselben Zeit wandte ich mich mit meinen schismatischen Plänen an Geiger. Dieser — er hat auch unterdessen seine Ansicht geändert — bekämpfte sie als ein Unhistorisches. Als ich Dir dies mittheilte und zugleich bemerkte, wie verkehrt mir diese Auffassung des „Historischen" erschiene, schriebst Du zur Antwort, daß auch Dir diese Auffassung unrichtig zu sein schiene. Und dann fährst Du fort: „nur der Geist unserer Zeit macht es möglich, daß „die Überzeugungen in dem Princip der individuellen Gewissensfreiheit eine „Bürgschaft für ihr Dasein und ihre Entwicklung finden, ohne einer „neuen bindenden Form zu bedürfen. Gerade darin ist unsere Zeit sehr „originell, aller geschichtlichen Vorgänge spottend, also sehr unhistorisch. „Und das ist ungefähr der Grund, warum ich auch gegen ein Schisma „bin." Dieser Brief ist vom 10ten Januar 1840. Nicht wenig erstaunt war ich, als ich Dich plötzlich in einem Brief vom 14ten Februar 1842 Zeitschr. f. d. Gesch. d. Juden i. Deutscht. II. 5