Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 1 · p. Seite 64

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 1
Article
Briefe von und an Gabriel Riesser
Date
1888-01-01
Page
Seite 64 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2259275-2259334-2259336-2263563--0524-2263646
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

64 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. den Judenhaß finden, den man ihm zur Last legt. Man hat sich hauptsächlich über die Entbindung von der Militärpflicht beschwert, man hat darin den Anfang zu -weiteren Rückschritten gesehen. Ich glaube auch, daß selche nicht ausbleiben werden, aber ich glaube auch, daß der König in gutem Glauben und in der humansten Absicht dieses Projekt ausdachte, und daß wir, d. h. die nicht orthodoxen Juden, es sind, denen allein die Möglichkeit eines solchen Projektes zum Vorwurf gemacht werden kann. Da ich so manchen edlen und durchaus nicht judenfeindlich gesinnten Christen kenne, der zugleich dem positiven Christenthum treu anhängt, so halte ich es für Unrecht, wenn man in dem Könige von Preußen ohne Weiteres einen Heuchler sieht. Die Billigkeit scheint mir zu fordern, daß man ihn, so lange nicht das Gegentheil bewiesen ist, sür das nimmt, wofür er sich selbst giebt, für einen gläubigen Christen. Wenn er nun als solcher sagt: ich will das Gewissen meiner jüdischen Unterthanen schonen, will sie nicht zwingen, Soldaten zu werden, weil sie dann unfehlbar den Sabbath, die Speisegesetze und andere Gebote verletzen müßten, ich will ihnen die ungestörte Ausübung ihrer Religion gestatten, ist das nicht in Ordnung? Wenn jetzt alle Parteien unter den Juden gegen ein solches Gesetz protestirt haben, so beweist dies nur, daß allen, auch den bigottesten, der Verlust bürgerlicher Rechte schmerzlicher ist als die Übertretung der Gebote, keineswegs, daß das orthodoxe Judenthum die Übernahme der Militärpflicht billigt, wenn deren Crlassung angeboten wird. Das orthodoxe Judenthum kann höchstens erlauben, daß man, der zwingenden Regierung gehorchend, seiner Unterthanenpflicht genügt, und dann nötigenfalls gegen das Gesetz handelt, nie aber, daß man sich freiwillig zu einer solchen Übertretung anbietet. Aber, wird man sagen, dann hätte der König dieses Gesetz nur sür die orthodoxen Juden geben sollen. Ich antworte, hat er ein Recht, hat er einen Grund, das Vorhandensein irgend eines Judenthums außer dem orthodoxen anzunehmen? Hat je eine wenn auch noch so kleine Anzahl Juden sich von der Orthodoxie öffentlich losgesagt? Ist es nicht Folge unserer Indolenz, wenn man uns sogenannte Aufgeklärte blos als einzelne Abtrünnige ansieht und dem Staate gegenüber kein anderes Judenthum kennt als das rechtgläubige? Wenn daher der König den Juden, die den Militärdienst mit ihrem Gewissen vereinigen zu können glauben, erlaubt, sreiwillig einzutreten, so war das eine Humanität mehr, da er genau genommen gar nicht nöthig gehabt hätte, auf einzelne, die gar keiner bestimmten Religionspartei angehören, Rücksicht zu nehmen. Denn das ist ein Gesichtspunkt, den wir immerhin fest halten müssen, daß es bis jetzt in Deutschland, ja in ganz Europa, (denn selbst in Frankreich werden nur die Geistlichen dreier Konfessionen besoldet) keine Gewissensfreiheit im Sinne Nordamerikas giebt, wo der Staat sich um den Glauben des Bürgers gar nicht kümmert. So lange unsere Staaten nicht gänzlich umgebildet werden, kann die höchste Gewissensfreiheit nur so verstanden werden, daß alle Glaubensbekenntnisse gleich berechtigt sind, daß man sich aber irgend einem wenigstens äußerlich anschließen muß. Darin liegt nach meiner Ansicht gerade der wichtigste Grund für die Nothwendigkeit, einer von Vielen abgegebenen Erklärung, weil es nur unter dieser möglich ist, Ansichten, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.