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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1888-01-01 · Heft 1 · p. Seite 63

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1888
Issue
Heft 1
Article
Briefe von und an Gabriel Riesser
Date
1888-01-01
Page
Seite 63 (sequence 17)
Language
German
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Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. 63 verleiten, die Erklärung meiner Äußerung so weit zu suchen, da sie doch ganz nahe lag? Deine bisherigen Bestrebungen galten gleichmäßig allen Juden, das Schisma hattest Du wiederholt, sowohl brieflich als mündlich, mir gegenüber abgewiesen, was war natürlicher als zu vermuthen, daß Du einer Erklärung, die entschieden auf ein Schisma hindeutet, in der, wie nicht zu verkennen, manches die Emancipation der erklärenden sowohl als der nicht erklärenden Juden für den Augenblick Hemmende liegen mag, wenn nicht entgegentreten, doch sicher Dich nicht anschließen würdest, um so sicherer je entschiedener die schismatischen Elemente hervortreten würden? Daß Du Deine Ansichten über das Schisma geändert hast, ist mir nicht weniger neu als erfreulich, woher sollte ich diese Sinnesänderung kennen? Es ist mir erfreulich, nicht blos, weil damit einer von den wenigen Differenzpunkten, die zwischen uns stattfinden, schwindet, sondern weil ich darin auch eine starke Bestätigung für meine Ansicht von der Nothwendigkeit einer Reform finde. Wenn ein Mann von so großer geistiger Kraft und so klarer Denkweise wie Du, sich gezwungen sieht, einen jahrelang festgehaltenen, aus Gründen des Gefühls wie des Verstands vertheidigten Grundsatz, wenn auch mit Widerstreben, dennoch mit Entschiedenheit aufzugeben, so ist damit das Todesurtheil dieses Grundsatzes gesprochen. Aber freilich behauptest Du, nicht Deine Ansichten, nur die Umstände d. h. das Benehmen der Regierungen, hätten sich geändert. Ich kann das nicht zugeben, ich sehe mich vielmehr genöthigt, hier einmal ausnahmsweise die bösen Umstände in Schutz zu nehmen. Bleiben wir bei Deutschland, denn nur an dieses wirst Du denken. Ich werde Dir nachweisen, daß Du nicht blos vor sechs, sondern sogar noch vor zwei Jahren gegen jeden schismatischen Versuch warst; ich frage was hat sich seit dieser Zeit in Deutschland geändert? wo soll ich die ganz neulich entstandene Verbindung zwischen Orthodoxie und Regierungen suchen? Etwa in Preußen? Freilich ist man in Preußen von oben herab gewaltig fromm; aber ist man den Juden gegenüber frommer als unter dem Höchstseligen? Kannst Du aus der neuesten Zeit irgend ein Aktenstück nachweisen, das nur entfernt vergleichbar wäre mit jenem von Dir selbst gebrandmarkten Cabinetsbefehl, nach welchen auch die kleinste Änderung in den Gebeten untersagt wurde und wo hätte je die Orthodoxie eine kräftigere Unterstützung gefunden? Was unter der gegenwärtigen Regierung in Preußen geschehen ist, zeigt durchgehend aus eine der früheren gegenüber mindestens gebildetere, um nicht zu sagen humanere Gesinnung, die gar nicht geneigt scheint sich durch Verbrüderung mit dem Schmutz jüdischer Orthodoxie blamiren zu wollen, wenn sie auch dem religiösen Fortschritt, über einen gewissen Punkt hinaus, nicht gewogen ist. Es ist Thatsache, daß jetzt ein Jude zum ersten Male Ritter des Adlerordens, ein anderer Mitglied der Berliner Akademie, ein dritter Kapellmeister geworden ist; man hat officiell erklärt, man wolle gebildete Rabbinen, man hat Geiger gegen Tiktin unterstützt, war das im Sinne der Orthodoxie? Bleibt also das bekannte, ohne Zweifel zurückgelegte Judengesetz, welches reichlich durch den zu seiner Zeit berühmten Entwurf einer neuen Judenordnung aufgewogen wird. Aber ich gehe noch weiter; ich kann in diesem Gesetze nicht

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