Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. mit der Wahrheit; ich würde auch der Lüge auf dem Throne keine Concession machen. Dasselbe kann auch noch gar Mancher mit Dir mit vollem Rechte sagen. Ich würde daher auch dieses Bedenken opfern und mich in einer Sache, in der ich mich zum Führer nicht berufen glaube, gern Deiner Führung überlassen, wenn ich es nicht schon vor mir sähe, wie die unwahre Gesinnung in der Ausführung der wahrhaften den Rang abläuft. Wenn es also noch möglich ist, daß man im Wesentlichen auf die Grundlage der ersten Fassung zurückkommt, so bin ich zum Beitritt bereit. Ich will mich dann bemühen eine Fassung ausfindig zu machen und in Vorschlag zu bringen, die nach meinem Gefühle allen gerechtön Anständen am besten begegnet. Ich glaube, wir würden uns darüber einigen. Das Motiv in Nr. 2 , worin die Speisegesetze u. dgl. als aus dem ehemaligen jüdischen Staatsverbande hervorgegangen bezeichnet werden, halte ich gleich Dir für sehr unpassend, weil mir der ursachliche Zusammenhang nicht so constatirt zu sein scheint, wie er hier ohne weiteres angenommen wird, und weil es mir unedel vorkommt, dem System, von dem wir uns lossagen, zum Abschiede ein Motiv anzuhängen, durch das es ins Gedränge kommt. Im Übrigen billige ich diese Nr. 3 vollkommen. Für unumgänglich nothwendig aber halte ich Nr. 3, nämlich die entschiedenste Erklärung gegen die Beschneidung; wird dieser Punkt, der einzige, bei dem es sich ganz direct um Zwang oder Freiheit handelt, ignorirt, so ist alles Übrige in meinen Augen keinen Schuß Pulver Werth. Außerdem halte ich einen nachdrücklichen Protest für erforderlich gegen den rohen Gedanken eines Glaubens an die Bibel mit Haut und Haar, nach Art des schlechtesten Protestantismus. Dagegen würde ich die Ablehnungen des Talmuds und des politischen Messians-Glaubens, wenn sie gleich allerdings vorkommen müssen, doch sehr in den Hintergrund stellen und sie so fassen, daß der leiseste Verdacht, als buhlten wir um die Gunst des Judenhasses, hinwegfällt. Doch dieses Alles wird sich schon finden, wenn wir erst eine gemeinschaftliche Grundtage gewonnen haben. Noch wünschte ich Antwort auf folgende Frage. Wie hat sich denn die große Mehrheit Deiner Reform-Genossen, die ja in Frankfurt lebt und der dortigen jüdischen Gemeinde angehört, ihr künstiges Verhältniß zu dieser Gemeinde gedacht? Ist sie entschlossen, wenn die Sache ernsthaft wird und von beiden Parteien als eine ernsthafte angesehen wird, die Maßregel der Auflösung des Gemeindeverbandes, als eine nothwendige Consequenz jenes Schrittes, durchzuführen? Ist sie bereit auf das in Frankfurt so tief wurzelnde und so Werth gehaltene Kehila-Band zu verzichten? Will sie die unleugbaren, theils materiellen, theils selbst geistigen Vortheile — wie die Schule, die Krankenkasse, und so manches Andere, in seiner jetzigen Gestattung wenigstens — aufgeben, die durch jenes Band wesentlich bedingt sind? Will sie sich wirklich, wenn es sein muß, in die einem Frankfurter so widerstrebende Lage eines separatistischen Vereins, ohne Senats-Commissär, ohne einen, mit einigem Abglanz der Staats-Autorität versehenen Vorstand, onhe Schulräthe finden? Bringt jene Frankfurter Reform-Partei wirklich