Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. 59 drücken, sobald die Sache eine solche Wendung nimmt, daß es sich dabei wirklich um Wahrheit handelt. Mein zweites Bedenken betrifft die Gesinnung, welche bei der großen Mehrzahl derer, die einer solchen Reform zugethan sind, mir zum Grunde zu liegen scheint. Es ist das so meine Weise, daß ich bei vielen Fragen — ganz besonders aber bei solchen, bei denen von objectiver Wahrheit nun einmal nicht die Rede sein kann — weniger auf den ausgesprochenen Satz, als auf die geistige Quelle sehe, aus der er entspringt, auf die Stimmung, auf den Charakter, in denen er wurzelt. Hier ist es meine auf zahlreiche Erfahrungen sich stützende Überzeugung, daß nur sehr, sehr wenige von diesen geistesstarken Reformatoren durch einen mächtigen, unbedingten Trieb nach Wahrheit, der sich unter allen Umständen gleich bleiben würde, bei weitem die Meisten dagegen von dem Unbehagen getrieben werden, welches ihnen die äußere Stellung des Judenthums einflößt. Sie wollen oft nur an dem Judenthum den Verdruß auslassen, den ihnen die bürgerliche, sociale und persönliche Zurücksetzung, die es ihnen zu Wege bringt, verursacht. Wie nachsichtig habe ich oft diese scharfen Kritiker der unschuldigsten Thorheiten des Judenthums in ihrem Urtheil über Albernheiten und Formenspielereien, die ihnen von einer anderen, imponirenderen Seite her zukamen, gefunden. Beweis genug, daß sie am Judenthum nicht sowohl seine Unvernunft, als seine Gedrücktheit, seine Glanzlosigkeit verschmähen. Die Frage, wie sich diese Verächter, des Judenthums oder der Schwächen desselben, dem mächtigen Christenthume gegenüber benehmen würden, ist keine bloße hypothetische, sondern sie läßt sich beantworten aus dem Beispiel der Hunderte, die auf dem Wege dieses Rationalismus aus der von ihm gebauten Brücke zum Christenthum gelangt sind. Von jeher viel mit getauften Juden, und oft mit den Besten von ihnen verkehrend, habe ich in dieser Hinsicht mannigfache Erfahrungen gemacht. Wie bald habe ich diesen Vernunftstolz, so übermüthig dem Judenthume gegenüber, sich beugen sehen vor der imponirenden Gewalt des Christenthums! Bei wie sehr, sehr Wenigen hat er Stich gehalten! Wie mancher, der über die harmloseste Ceremonie des Judenthums nicht Verachtung genug hatte ausschütten können, nimmt nicht den geringsten Anstand, an den Tisch des Herrn zu gehen und von seinem Leib und Blut zu genießen! Und warum denn nicht? — wird mich hier mancher noch ungetauste Reformfreund fragen, wenn er mit seiner Herzensmeinung offen herausrückt — warum denn nicht? Nimmt man doch das Abendmahl in der allergentilsten Gesellschaft; kann man doch dabei Hofrath und Minister und Professor werden: wer wird da der bloßen Lüge, des bloßen geistigen Verraths, der bloßen Lästerung der Wahrheit wegen so viel Umstände machen? — Das ist meines Erachtens die geheime Gesinnung der Mehrheit unserer Radikal- Reformer, und darum kann ich mich nicht sehr für ihre Bestrebungen erwärmen, und fühle mehr Sympathie für das Streben praktischer Reformatoren, bei denen ich, bei allen unleugbaren Schwächen und Jnconsequenzen, einer aufrichtigen, innigen Hingebung an die Sache, um die es sich handelt, an das Judenthum, gewiß bin. — Indessen kannst Du mir auch hier wieder antworten: was zehn mich die Anderen an? ich meine es redlich