Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Briefe von Gabriel Rießer und M. A. Stern. die ich selbst gegen eine offene und würdige Reform-Erklärung immer noch auf dem Herzen habe. Bedenken für die ich keine Schonung fordere, und die ich bereit bin, so viel Überwindung es mich auch kosten wird, fahren zu lassen, wenn das Opfer der Wahrheit, nicht aber einem unwürdigen Anschmiegen an Staatsmaximen, die ich verabscheue, gebracht werden soll. Mein Hauptbedenken hat seinen Grund in dem Verhältniß des Jndenthums zum Christenthum, als der unterdrückten zur herrschenden Religion. Gälte Gleichheit für beide, so müßte derselbe Geist der Freiheit und der Forschung, der sich gegen das Judenthum erhebt, auch gegen das Christenthum aufstehen, und zwar nicht blos kritisch-wissenschaftlich, sondern praktisch in der Form der Lossagung und des tatsächlichen, äußerlich sich gestaltenden Widerspruchs. Aber, wie die Sachen stehen, kann von so etwas nicht die Rede sein, und es ist nicht die mindeste Aussicht vorhanden, daß z. -B. die Straußschen Ansichten, obgleich Taufende von Christen sie eben so gut theilen, wie unsere Ansichten über das Judenthum von vielen Juden getheilt werden, das Schiboleth eines Vereins werden. Das Christenthum ist zu mächtig, um so etwas an sich herankommen zu lassen und es weiß selbst den Gegnern seiner rechtgläubigen Ansicht dermaßen zu imponiren, daß sie sich immer auf eine oder die andere Weise mit ihm zu verhalten suchen. Unsere Sache ist es nun natürlich am allerwenigsten uns in diese Verhältnisse einzumischen und unsere Meinung darüber zu sagen. Wenn wir aber dem Judenthume gegenüber Schritte thun, die aus demselben Princip der Geistesfreiheit auch dem Christemhume gegenüber müßten gethan werden, aber nicht gethan werden können: wenn wir unsere Überzeugung in Beziehung aus das letztere weder aussprechen dürfen noch mögen, und sie von Christen, da selbst die aufgeklärtesten vor allem, was einer förmlichen Lossagung ähnlich sieht, eine gewaltige Scheu haben, nicht ausgesprochen wird, so ist nicht zu leugnen, daß das Judenthum durch solche Schritte in eine salsche und relativ unbillige Stellung geräth. Daß mit ihm Radikalreformen vorgenommen werden, von denen auf dem Gebiete des herrschenden Glaubens keine Rede ist, wird von der öffentlichen Meinung keinesweges dem Umstände zugeschrieben werden, daß hier gestattet was dort unthunlich, sondern es wird auf Rechnung einer wesentlichen Unterordnung, eines entschiedenen Zurückstehens des Judenthums geschrieben werden, und auf solche Weise wird die vornehme Geringschätzung gegen dasselbe neue Nahrung erhalten, die ich, wenn sie von dem Standpunkte einer wahrhaft geistig freien Ansicht ausgeht, gern ertrage, vom Standpunkte des Christenthums aber ausgehend nicht leiden kann. Dieser Umstanv wird mir immer bei einer Reformation der in Borschlag gebrachten Art ein lebhaftes Unbehagen verursachen, und ich werde dieser Sache erst dann mit Freude dienen können, wenn die Gleichheit hergestellt sein, und die Reform auf beiden Seiten ein gleich freies Feld haben wird. Indessen kannst Du mir darauf mit Recht antworten: „Was geht mich das Christenthum an? Ich diene der Wahrheit aus meinem Gebiete und bekümmere mich nicht darum, was mein Nachbar dazu sagt; verschließt er der Wahrheit sein Ohr, desto schlimmer für ihn. —" Dagegen kann ich dann auch nichts weiter einwenden und erkläre mich, wie gesagt, bereit, meine Bedenken zu unter-