Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1888
- Issue
- Heft 1
- Article
- Briefe von und an Gabriel Riesser
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Briese von Gabriel Rießer und M. A. Stern. am Ende immer darauf hinausgehen wird, mit dem Judenhaß gemeinschaftliche Sache zu machen. Sollte einer oder der andere wissentlich da hinaus wollen, Kadett sidi! Aber daß ich und die mit mir empfinden, diese Richtung verabscheuen, weißt Du. Du freilich wirst und darfst mir erwidern, daß Mißdeutung und Gehässigkeit Dich nicht kümmern, wenn Du der Wahrheit dienst. Vollkommen zugegeben, wenn der Wahrheit! Aber von der Wahrheit, ist meines Erachtens, nachdem einmal das Princip auf keinen Fall mit den Staatsbehörden in Kollision gerathen zu wollen, angenommen worden, keine Rede mehr; und soll und muß doch einmal der Wahrheit Abbruch gethan werden, nun so geschehe es doch wenigstens auf eine Weise, die der Gehässigkeit keine Nahrung giebtl — Auch bin ich der Meinung — bekenne indessen, daß ich diese Meinung auf meine eigene Hand nicht zur Reife bringen und noch weniger durchführen kann, weil es mir an den nothigen theologischen Kenntnissen fehlt — daß durch das Aufstetten des Talmud- und des Palästinapunktes als Hauptdissidenzpunkte dem alten Judenthume in positiver, wissenschaftlicher Hinsicht einigermaßen Unrecht geschieht. Es kommt mir nämlich vor, als wenn die Fragen, in wie weit und in welcher Weise der Talmud Autorität habe und wie es mit der leiblichen Rückkehr nach Palästina beschaffen sei, auch auf dem orthodoxen, wenn nur irgend denkenden Standpunkte controvers sind; und wenn dem so ist, scheint es mir nicht richtig und noch weniger recht, in ihnen die unterscheidenden Lehren einer so positiv auftretenden Reform zu suchen. Was den Talmud anlangt, so schöpfe ich meine Ansicht zum Theil aus Geigerschen Äußerungen, vielleicht habe ich diese indessen nicht richtig verstanden, wie ich denn überhaupt über diesen Punkt kein Urtheil habe. Das aber weiß ich, daß jene Ansicht von vielen jüdischen Geistlichen und Volkslehrern getheilt wird, die großes Verdienst um die Verbreitung eines helleren und edleren Sinnes in ihren Gemeinden haben, die aber eben weil ihr Wirken ein praktisches ist, gern an die Keime des Besseren im Alten anknüpfen. Unter dieser Klasse, die Euer Schritt in hohem Grade verletzen wird, sind Männer, deren Gesinnung und Wirken ich sehr hoch schätze. Indessen kenne ich die unveränderlichen Einwendungen gegen diese Charaktere — „Halbheit und Heuchelei" „Heuchelei und Halbheit" — sehr gut. Ich kann diese Vorwürse auch in adZtraeto nicht ganz widerlegen. Das muß ich Dir aber sagen, daß, falls Ihr Euch selbst etwa bei Eurer Scheu vor jeder Eollision mit den Staatsbehörden für ganze Kerle und Wahrheitshelden halten solltet, — daß ich mich dann in Zukunft nicht mehr scheuen werde, jene „Halbheit" gegen die ich mich meinerseits weit eher zur Nachsicht gestimmt fühle, gegen Euch in Schutz zu nehmen. Ich ertrage lieber eine zu weit getriebene, gutmüthig schwache Schonung gegen die ohnmächtigen Jrrthümer der eigenen Glaubensgenossen, als jene zu jeder Concession entschlossene Schonung gegen die Anmaßung der Gewalt, so wie ich einen Mann immer noch mehr achten werde, der Furcht hat vor den Vorwürfen seiner Großmutter, als den, der Furcht hat, vor dem Stock eines Büttels. Da ich Dir indessen nicht besser und konsequenter erscheinen will, als ich bin, so will ich Dir auch ganz ehrlich die Bedenken zu erkennen geben.